Okt 082012
 
sisters1

Es hat ja jede so ihre eigene Methode, sich in die richtige Schreibstimmung zu bringen. Meine ist Musik. Im Moment bewege ich mich hauptsächlich in den dreckigen Gassen der Cölner-Unterwelt, und welche Band könnte einen dort besser hinbringen, als die Sisters Of Mercy? Ja, okay,  ganz bestimmt viele, aber ich habe mir halt die ausgesucht. :P Präziser gesagt ist es  „Marian“ die mich runter bringt. Und ein Fahrstuhl. Und ein Liftboy. Und die Angst vor Frau Gerdom, die mir die Ohren lang zieht, wenn ich nix tippe. Es sind also einige Komponenten, die sehr hilfreich sind, um in die Unterwelt zu gelangen, aber Musik ist die Wichtigste. Auf dem Weg nach unten sind gelegentlich einige Abfallprodukte entstanden, die ich auf Facebook gepostet habe, und ich wurde dazu genötigt, die hier ebenfalls mal einzustellen. Hier sind sie also. Ich muss aber dazu sagen, dass ich zwar weiß, wie man runter kommt, aber keine Ahnung habe, wie man wieder nach oben gelangt. Wer also in den Fahrstuhl springen will, kann das gerne tun, aber für den Rücktransport muss jeder selbst sorgen. :P

 

27. September:

Das Gitter des Fahrstuhls schlug zu. Der Liftboy sah sie fragend an. Ihre Stimme zitterte ein wenig, als sie es aussprach: “Abwärts, bitte. Ganz nach unten.” Der Junge nickte und drückte auf den untersten Knopf, der nicht mit einer Nummer gekennzeichnet war. Unter Rumpeln und beunruhigendem Ruckeln, beförderte sie der Fahrstuhl in die Tiefe. Als das Gitter sich wieder öffnete, schlug ihr klamme Luft entgegen und ein Geruch, der ihr den Atem nahm. Zu ihrer Verwunderung streckte der Liftboy ihr seine Hand entgegen. Sie ergriff sie lächelnd und sagte: “Auf Wiedersehen.” “Leben Sie wohl”, antwortete er. Er lächelte nicht.

 

28. September:

Das Gitter des Fahrstuhls schlug zu. Der Liftboy sah sie fragend an. Sie wusste, dass ihre Stimme ein wenig zittern würde, noch bevor sie die Worte aussprach: “Abwärts, bitte. Ganz nach unten.” Der Junge nickte und drückte auf den untersten Knopf, der nicht mit einer Nummer gekennzeichnet war. Rumpeln und Ruckeln und es ging abwärts. Als das Gitter sich wieder öffnete, schlug ihr klamme Luft entgegen und ein Geruch, der ihr seltsam bekannt vorkam. Einem unerklärlichen Zwang folgend, ergriff sie die Hand des Liftboys. Er sah sie verwundert an und sagte: “Leben Sie wohl.” Sie lächelte und antwortete: „Auf Wiedersehen.“

 

02. Oktober:

Das Gitter des Fahrstuhls schlug zu. Schon wieder glotze der verdammte Liftboy sie dümmlich fragend an. „Abwärts“, sagte sie. „Und bis ganz runter, verfluchte Scheiße.“ Der Junge zuckte zusammen und drückte den Knopf. Auf den untersten, den ohne Nummer. Auf welchen sollte er auch sonst drücken? Rumpel, Ruckel, Gitter auf, ekliger, immer gleicher Gestank. Und diese Musik, die sich in ihren Gehörgang fraß und an den Nervenenden nagte, bis Blut aus ihren Ohren tropfte. Der Junge fasste sie am Ärmel. Sie drehte sich wütend um. „Was willst du, verdammt?“ „Leben Sie wohl“, flüsterte er. Sie lächelte und antwortete: „Ach, fick dich doch ins Knie.“

 

03. Oktober:

Das Gitter des Fahrstuhls: Schepper! Der Liftboy glotzte. „Jajaja, runter“, sagte sie. Knopf drücken, Rumpelrumpel, Ruckel, Schepper, Gestank, blutende Ohren. Sie stöhnte auf und schlug die Stirn gegen die Wand. Wann würde das endlich enden? Würde es jemals enden? Die Musik wurde lauter und vermischte sich mit einem Summen. Es dauerte einen Moment, bis sie realisierte, dass sie es war, die summte. Wollte sie überhaupt, dass es endete? Ein Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht. Sie drückte dem verdutzen Jungen einen Kuss auf die Wange und sagte: „Bis dann!“, bevor sie in die stickige Dunkelheit eintauchte.

 

04. Oktober:

Oh, Gittergeschepper, süßes Klingeln.
Oh, Augenaufschlag, was willst du fragen?
Doch hört, die Nachtigall singt die Antwort.
Blutiges Getöse, gefräßiger Klang,
leck mir die Muschel mit deinem Gesang.
Abwärts?, hört ich ihn fragen.

Und was sollt ich sagen, außer dem einen, dem wahren, dem echten?
Dem rechten, dem linken?
Was mag da so stinken?
Ach, schepp er mich doch hinunter.
Rappel, rappel, trappel, trappel,
kleine Füße huschen leicht.
Wer weicht mein Hirn?
Wer weicht, wer weicht?
Und schwer wird leicht.
Doch hört! was naht sich von fern?
Oh, wie gern würd ich schweigen.
(Dann tu’s doch.
Schnauze!)
Wer hat das Gitter verbogen?
Das rechte, das linke?
Und wieder Gehinke.
Trippelditrappel, schnippschnapp,
schneid mir doch jemand die Ohren auf.
Soll ich schweigen? Soll ich‘s wagen?
Soll ich es sagen?
Halt die Fresse und steig endlich aus!
Na gut.

 

06. Oktober:

Seine Frage lautete „Warum“, auch wenn er sie nicht aussprach. Ein Wort, zwei Silben, fünf Buchstaben. Er trug eine blutrote Jacke mit silbernen Knöpfen. Tote Sterne. Unendlichkeit. Alles. Alles, was sie wollte war dort unten. Samtsilbig, verschlungen und verbunden mit allem was war, was je sein würde, was nicht mit Worten zu beschreiben war, was tief in ihr ankerte wie ein Herz am anderen. Sie wollte sich füllen wie einen Krug, einen Ozean voller sterbender Sonnen. Nachtatem, hellstes Dunkel, tiefstes Sterben und Auferstehen. Eintauchen und fliegen, und Luftblasen aus flüssigem Lapislazuli, und ihre Stimme die durch die Adern summt und summt, getrieben vom Herzschlag der Dunkelheit. „Weil sie lebt“, sagte sie. „Die Dunkelheit.“ Er sah sie immer noch fragend an, mit einer Mischung aus Bedauern und Zuneigung im Blick, und sie lächelte. „Nach unten. Bring mich ins Zentrum der Schwärze“, flüsterte sie, den Mund dicht an seinem Ohr, so dass ihr Atem seine Haut berührte. Er drückte den Knopf und sie drangen in sie ein, spürten ihr erregtes Zittern. Das Gitter öffnete sich und sie umfing sie mit ihren weichen Armen, hüllte sie vollkommen ein. Vollkommen, dunkel, ewig. Zu Hause.

 

07. Oktober:

„Nach unten, bitte.“
„Einfach so?“
„Ja.“
„Keine dramatische Einleitung? Keine weitschweifiges punktgenau ins Leere treffendes Geschwafel?“
„Ja, genau so.“
„Aha.“

„Und? Drückst du jetzt den untersten Knopf, oder was? Den, auf dem keine Nummer steht.“
„Ich weiß nicht.“
„Was weißt du nicht?“
„Ich weiß nicht, ob ich das will. Ich fühle mich irgendwie betrogen, wenn ich so einfach auf den Knopf drücken würde, ohne jegliches Brimborium.“
„Meine Güte, das kann doch nicht wahr sein.“
„Ich würde ja drücken, aber ich kann einfach nicht. Nicht so.“
„Kein Wunder, dass es bald keine Liftboys mehr geben wird … Also: Hu, es ist so dunkel. Oh je, oh je. Alles klar jetzt? Können wir?“
„Das befriedigt mich nicht wirklich.“
„Mein Blutdruck steigt.“
„Dann solltest du vielleicht Tabletten …“
„Drück jetzt auf den verschissenen Knopf, oder ich drücke selbst. Nachdem ich deine Augen eingedrückt und deine Nase gefressen habe.“
„Wow! Ich mag sexuell aggressive Frauen! Könntest du vielleicht noch ein paar Worte über meinen …“
„Jetzt reicht‘s mir doch, du kleiner Hosenscheißer!“
„Aua, nicht, das war doch nicht so … Verdammt. Nein!“
„Tja. Also dann: Bis die Tage. Und geh mal zum Zahnarzt, das sieht verdammt unattraktiv aus.“

 

 

Artikel als eBook downloadenArtikel als eBook downloaden

Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterPin on PinterestEmail this to someone

  3 Responses to “Abwärts, bitte!”

  1. Ich freu mich so sehr, dass die Abfallprodukte hier eingestellt wurden! Die sind nämlich etwas besonderes und ganz wunderbar – ich liebe sie einfach… Außerdem haben sie bei mir schon Nebenwirkungen hinterlassen. *hüstel*

    Dazu kommen jetzt noch seltsame Bilder von Frau Gerdom, die dir die Ohren lang zieht. Da müsst ihr aber schon aufpassen, nicht dass du nachher noch ein Spitzohr wirst. *g* Und wer treibt eigentlich Frau Gerdom an, damit sie mal schreibt, wer denn nun Magnus und Martha sind? Oder habt ihr Spaß daran, uns arme neugierige Leser so auf die Folter zu spannen? ;-)

    • Ach, ich wollte schon immer mal Vulkanette sein. :) Und zu Martha und Magnus müsstest du Frau Gerdom mal selbst befragen. Aber die ist – wie immer – ziemlich ausgelastet und es hapert wahrscheinlich an Zeit.

      • Ach, na dann… weißt du jetzt ja, dass es da zumindest eine Möglichkeit gibt. ;)
        Und das Problem mit Frau Gerdom und der Zeit, das ist ja chronisch. Mindestens! Also wird sich meine Neugier wohl bis nächstes Jahr irgendwann gedulden müssen – schließlich will ich ja nicht daran Schuld sein, wenn hier jemand (vor Stress) umfällt. Also schön auf euch aufpassen!

Sorry, the comment form is closed at this time.