Nov 092014
 

Magnus_01_smTot mit und tot ohne Tee

 

Strix saß in der tiefen Fensternische und las so konzentriert in ihrem Buch, dass sie Pater van Dongerens Schritte überhörte, bis der Pater vor ihr stand. Sie blickte auf und blinzelte. »Brauchen Sie mich?«, fragte sie.

Er lächelte und ließ sich neben ihr nieder, warf einen Blick auf den Bucheinband und nickte. Er sah müde aus, wahrscheinlich hatte er wieder die ganze Nacht einem seiner Schützlinge die Hand gehalten.

»Kommst du weiter?«, fragte er.

Sie seufzte und blätterte vor und zurück. »Es wäre hilfreich, wenn ich jemanden fände, der mit mir übt«, sagte sie. »Ich kann es einigermaßen lesen, das Schreiben fällt mir schwerer, aber die Aussprache …«, sie schnitt eine Grimasse.

Der Pater tätschelte geistesabwesend ihre Schulter. »Es tut mir leid, dass mein Mandarin so eingerostet ist und dass ich so wenig Zeit habe«, sagte er matt. »Du hättest mein Angebot annehmen sollen, dir Griechisch oder Portugiesisch beizubringen. Das schaffe ich auch, wenn ich müde bin.« Er lächelte.

Sie erwiderte sein Lächeln und sprang auf. »Sie haben bestimmt noch nichts gegessen und keinen Tee getrunken«, sagte sie. »Bleiben Sie hier einfach sitzen. Ich bin gleich wieder da.«

Pater van Dongeren nickte und schloss die Augen. Wie er da in der Nische lehnte, sah er wie ein müder kleiner Junge aus, den seine Mutter zu lange hatte aufbleiben lassen. Nur der silberne Schimmer auf seinem dunklen Haar und die angestrengten Linien in seinem runden Gesicht zerstörten das Bild.

Strix rannte mit fliegenden Röcken in die Küche und stellte den Wasserkessel auf den Herd. Die magere alte Frau, die am Küchentisch saß und Kartoffeln schälte, blickte fragend auf. Strix lächelte ihr beruhigend zu. »Alles in Ordnung, Tantchen. Ich koche dem Pater nur einen schönen Tee.«

Die alte Frau nickte und arbeitete weiter. Tantchen war nicht besonders redselig.

Von draußen erklang eine Stimme. »Strix«, rief einer der Jungen, die der Pater unterrichtete. Dem Kieksen nach war es Michael, der ältere der beiden Schmitz-Brüder. »Strix, wo bist du? Da ist ein Mann, der nach dem Pater fragt.«

Strix schüttelte den Kopf und rieb ihre Hände trocken. Immer, wenn ein Unbekannter an der Tür klingelte, schrie jemand nach ihr. Es war das oberste, heiligste Gebot, dass niemand den Pater störte. Was machten sie alle nur, wenn Strix nicht im Haus war? Die Besucher auf der Straße verhungern lassen?

Sie ging durch den langen, fensterlosen Gang zum vorderen Besucherzimmer und öffnete die Tür. »Wie kann ich Ihnen … oh.«

Der dunkle Mann am Fenster wandte sich um und schenkte ihr ein beinahe schmerzlich zu nennendes Lächeln. »Fräulein Rosenzweig«, sagte er. »Ich hatte Ihnen ein Versprechen gegeben.«

»Wie sonderbar«, entfuhr es ihr.

Die Fältchen um seine Augen vertieften sich. Er hatte schreckliche Augen, kalt und unergründlich wie das Nordmeer. Sie blinzelte und wich seinem Blick aus, unter dem sie sich unerklärlich linkisch und unscheinbar vorkam. »Herr Seymour«, sagte sie und gab sich alle Mühe, unbeteiligt zu klingen. »Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Sie Ihr Wort halten, wenn ich ehrlich sein soll.«

Seine Mundwinkel hoben sich zu einem amüsierten, spöttischen Lächeln. »Sie scheinen mein Ehrgefühl als nicht sonderlich ausgeprägt einzuschätzen«, sagte er. »Es gibt den einen oder anderen Menschen, der Ihnen in dieser Einschätzung beipflichten würde, Fräulein Rosenzweig. Unter anderem Ihre Schwester.«

Sie presste die Lippen zusammen. »Bitte, folgen Sie mir«, sagte sie steif.

Er ging schweigend neben ihr her. Sie bemerkte, dass er sich vorsichtig und steifgliedrig bewegte, wie ein alter Mann oder jemand, der Schmerzen hatte. Es schien höchste Zeit zu sein, dass der Pater sich seiner annahm.

Sie öffnete die Tür zum Studierzimmer und ließ ihn eintreten. Pater van Dongeren saß mit gesenktem Kopf immer noch in der Fensternische. Er blickte auf und sah den ihm fremden Mann mit seinem offenen, fragenden Lächeln an. Das von draußen hereindringende, diffuse Licht zauberte eine Halo um seinen Kopf.

»Pater, das ist Herr Seymour«, sagte Strix und blieb abwartend an der Tür stehen.

Die beiden Männer musterten sich ohne Scheu. Seymour schien sich über irgendetwas zu amüsieren, aber Strix konnte nicht erkennen, was an Pater van Dongerens Erscheinung ihm einen Grund zur Erheiterung lieferte.

»Mr Seymour«, sagte der Pater und erhob sich. Er reichte dem Engländer die Hand, die dieser nach einem kurzen Zögern ergriff. »Ich freue mich, dass Sie hergefunden haben.«

Seymours Blick glitt flüchtig zu Strix. »Man hat es mir sehr warm ans Herz gelegt«, sagte er. Der Spott schärfte die Kanten seiner Stimme, bis sie blitzten wie geschliffene Dolche.

Pater van Dongeren erwiderte Seymours Worte mit seinem gewohnten herzlichen Lächeln. »Strix kann sehr überzeugend sein, aber ja.« Er warf ihr einen Blick zu. »Hattest du schon Tee aufgesetzt?«

»Ich bringe ihn sofort, Pater«, sagte sie und ließ die beiden Männer allein. Sie hätte ohnehin nach einem Vorwand gesucht, das zu tun, denn der Pater legte Wert darauf, eine erste Einschätzung des neuen Schützlings in aller Ruhe und unter vier Augen vorzunehmen. Erst dann pflegte er auf ihre Fähigkeiten zurückzugreifen.

Sie kehrte nach einer angemessenen Zeit in das Studierzimmer zurück und fand die beiden Männer schweigend und sich anblickend. Pater van Dongeren lächelte schwach, der große Brite hatte eine ausdruckslose, gelangweilte Miene aufgesetzt.

»Tee«, sagte Strix und stellte das Tablett auf den Tisch.

Seymour wandte sich langsam zu ihr um und schüttelte den Kopf. »Keine Umstände«, sagte er. »Ich wollte gerade gehen.«

»Nein, das wollten Sie nicht«, sagte Pater van Dongeren mit einer Stimme, die an eine tiefe Glocke erinnerte. »Sie wollten eine Tasse Tee mit uns trinken, Mr Seymour.«

Strix senkte hastig den Blick und schenkte Tee ein. Sie kannte die Wirkung dieser Stimmlage auf Unvorbereitete. Die meisten bekamen einen glasigen Blick und weiche Knie. Es war eine Form von Magie, genau wie ihr Wortzauber, aber Pater van Dongeren hörte es nicht gerne. Er sagte immer, Gott spräche in diesen Momenten aus ihm. Und vielleicht war es ja auch wirklich so, denn irgendwoher musste diese Kraft ja stammen.

Der große Brite blinzelte mehrmals schnell und ließ sich langsam in dem Sessel am Kamin nieder. Er nahm die Tasse entgegen, die Strix ihm reichte, und dankte mit einem Nicken.

»So«, sagte Pater van Dongeren zufrieden und setzte sich ihm gegenüber. »Danke, liebes Kind. Wir trinken jetzt schön in Ruhe einen Tee und plaudern.« Er hob die Tasse an die Lippen, seine Augen fixierten Seymour.

Der nippte am Tee und verzog den Mund. »Das war nicht sonderlich fair«, sagte er mit mildem Tadel. »Ich muss mich wundern, Pater. Ein Gottesmann greift zu solch faulen Tricks?«

Der Pater lächelte fein. »Hin und wieder heiligt der Zweck die Mittel, Mr Seymour.«

Strix ließ sich leise auf dem Hocker neben dem Schreibtisch nieder und faltete die Hände vor dem Knie. Pater van Dongeren hatte sie nicht entlassen, also gedachte er, sich ihr Talent zunutze zu machen.

»Erzählen Sie mir von sich«, sagte der Pater und stellte seine Tasse beiseite. »Sie sind viel herumgekommen? Und zur Zeit in Ihrem Heimatland nicht erwünscht?«

»Sieht man mir das an der Nasenspitze an?«, fragte Seymour amüsiert. »Sie verfügen über eine reichhaltige Phantasie, Pater.«

Der Pater neigte den Kopf. »Sie sind ein Untertan Ihrer Majestät«, sagte er mit leisem Tadel. »Dennoch leben Sie in Cöln. Da Sie weder dem Diplomatischen Corps noch dem Militär angehören und, verzeihen Sie mir, auch nicht den Eindruck vermitteln, geschäftlich in Cöln zu weilen …«

»Was bringt Sie zu dieser Annahme?« Seymour klang ehrlich interessiert.

Pater van Dongerens Lächeln wurde breiter. Er lehnte sich zurück, faltete die Hände über seinem kleinen Kugelbauch und begann zu dozieren. Schnitt und Art der Kleidung, Haltung und Ausdrucksweise, Besuch einer Privatschule (also vermutlich Adel, auf jeden Fall wohlhabendes Bürgertum), ein Siegelring und eine Krawattennadel mit Wappen (beide gleich, also kein willkürlicher Kauf bei einem Trödler), eine Narbe am Kinn, die offensichtlich von einem Florett oder Degen stammte …

Strix ließ ihre Gedanken abschweifen. Pater van Dongeren war ein Meister in dieser Kunst. Er glaubte, dass es reine Deduktion sei, wie bei dem berühmten englischen Detektiv, dessen Heldentaten er so sehr schätzte, aber in Wirklichkeit stammte auch diese Fähigkeit aus der gleichen Sphäre wie seine bezwingende Stimme. Er konnte oberflächliche Gedanken erkennen und manchmal sogar in tiefere Schichten des Bewusstseins vordringen. Sehr praktisch für einen Seelsorger, dachte Strix mit einem Anflug von Rebellion. Praktisch, aber auch ermüdend.

Ihre Aufmerksamkeit wurde wieder auf die beiden Männer gelenkt, als sie Seymour lachen hörte. »Sie sind eine Jahrmarktsattraktion, mein Lieber«, sagte er. »Hat man schon versucht, Sie anzuwerben? Jeder Geheimdienst wäre froh, Sie in seinen Reihen zu wissen.«

Pater van Dongerens Miene wurde ausdruckslos. »Nein, das ist nichts, was ich befürworten könnte«, sagte er steif.

Seymour beugte sich vor und stützte die Ellbogen auf die Knie. Er wirkte seltsam entspannt. »Jetzt bin ich an der Reihe«, sagte er. Er fixierte den Pater wie dieser zuvor ihn. »Sie stammen aus Flämisch-Indien, wahrscheinlich aus Batavia.« Er runzelte die Stirn und wartete, aber Pater van Dongeren ließ mit keiner Regung erkennen, ob die Vermutung stimmte oder nicht. Strix biss sich vor angespanntem Vergnügen auf den Fingerknöchel und gab keinen Laut von sich.

»Ihr Vater ist Flame, aber er ist in den Kolonien aufgewachsen, einer seiner Elternteile war Indonesier. Ihre Mutter ist …«, er neigte leicht den Kopf, runzelte die Stirn, »pardon. Ihr Vater war Flame, er lebt schon seit Jahren nicht mehr. Ihre Mutter ist Chinesin, sie lebt aber inzwischen in Europa.«

Pater van Dongeren stieß die Luft aus. Er hob in einer komisch verzweifelten Geste die Hände. »Das war nicht sonderlich schwer«, sagte er. »Die eine Hälfte haben Sie aus meinem Gesicht und die andere aus meinem Namen gelesen und der Rest ist geraten.«

Seymour lachte lautlos. »Ich rate genauso wenig wie Sie, Pater. Aber Sie haben recht, es war nicht schwer.« Er machte Anstalten, sich zu erheben. »Danke für die unterhaltsame Teestunde, aber ich möchte mich jetzt empfehlen.«

»Warten Sie!« Das war ein knapper Befehl, den der Pater in seiner normalen Stimme aussprach. Keine Beeinflussung, ein Wunsch.

Seymour verharrte, sah den Pater neugierig an. »Warum sollte ich?«

»Warum sind Sie hergekommen?« Die schwarzen Augen hielten dem starren Blick der eisblauen Augen stand, ohne zu blinzeln. Das stumme Kräftemessen ging ein paar Atemzüge weiter, dann breitete Seymour resigniert die Arme aus und ließ sich wieder in dem Sessel nieder. »Gut«, sagte er knapp. »Ihre Gehilfin war der Meinung, ich sollte mich Ihnen vorstellen. Sie glaubt, Sie könnten mir helfen.« Er verzog die Lippen, als hätte er einen fauligen Geschmack im Mund.

Pater van Dongeren entließ ihn nicht aus dem Blick. »Sie hat ein gutes Gespür für solche Fälle«, sagte er sanft. »Aber bei Ihnen liegt es etwas anders. Sie hat Ihren Tod gesehen, Mr Seymour.«

Seymour schnappte nach Luft. Die brutale Klarheit der Worte, mit der sanften Stimme des Paters gesprochen, schien ihn zu schockieren. Er fasste sich und zwang sich zu einem Lächeln. »Dazu gehört keine große Kunst«, sagte er. »Ich stehe sehr dicht an der letzten, großen Grenze, Pater. Wer einen Blick für diese Krankheit hat, der ist sicherlich auch in der Lage …«

»Nein«, unterbrach van Dongeren ihn. In seiner sanften Stimme lag Stahl. »Nein, Mr Seymour. Sie hat gesehen, wie Sie sterben. Jedes blutige Detail, jede qualvolle Minute.«

Seymour legte eine Hand vor die Augen. Seine Finger bebten. »Das tut mir leid«, sagte er gedämpft. »Das ist kein Schauspiel, das ich einem jungen Mädchen zumuten würde.«

Strix war verblüfft. Er stellte es nicht in Frage. Wie konnte er die Worte des Paters glauben, einfach so?

Pater van Dongeren schien ähnlich erstaunt. Er beugte sich vor, berührte sacht Seymours Knie. »Erzählen Sie mir, wie es angefangen hat.«

Der Engländer blickte auf und sah ihn fragend an. »Wie fängt es denn gewöhnlich an?« Er rettete sich wieder in seinen Sarkasmus. Die Qual, die kurz in seinem Gesicht zu sehen gewesen war, war wieder sorgsam verborgen. »Ich habe begonnen, Engelsblau zu schnupfen …«

»Papperlapapp«, unterbrach van Dongeren ihn ärgerlich. »Sie sind kein Süchtiger. Sie wurden entweder vergiftet oder einer massiven Strahlung ausgesetzt. Ich tippe auf Ersteres. Wenn ich jemals einen Newcastle Typ II reiner Ausprägung gesehen habe, dann sind das Sie.« Er griff nach Seymours Hand, die dieser ihm sichtlich überrumpelt überließ, und drehte und wendete sie in seinen Händen. Er betastete den Daumenballen, drückte prüfend fest auf die Fingernägel, zog die Hand dicht an seine Augen und roch an den Fingerkuppen. Dann ließ er sie los und stand auf, um sich über Seymour zu beugen. Er inspizierte dessen Augen, zog ein Lid herunter, ließ ihn den Mund öffnen und blickte hinein, betastete die Lymphdrüsen an Seymours Kinn und Ohr und befühlte die Haut unter seinen Augen.

Seymour ließ das alles reglos über sich ergehen, auch als der Pater mit einem fragenden Blick um Erlaubnis bat, die Knöpfe seiner Weste zu öffnen. Strix blickte hastig beiseite, aber ihre Neugier war zu groß. Sie beobachtete aus dem Augenwinkel, wie Pater van Dongeren das Ohr auf die Brust des Engländers legte und die Augen schloss.

Ihr Blick glitt etwas höher und traf auf den des Engländers. Er sah sie mit einer seltsamen Mischung aus Resignation und hilfloser Erheiterung an. Sie erwiderte es mit einem Achselzucken. Wenn der Pater in Fahrt war, konnte man ihn kaum bremsen.

Endlich setzte er sich wieder in seinen Sessel, wischte mit einem Taschentuch über sein Gesicht und stieß den Atem aus. »Ja«, sagte er. »Ich müsste mich sehr irren, aber das sieht nach einem Typ II aus.«

»Gut oder schlecht?«, fragte Seymour mit einem Zucken seiner Mundwinkel. Er schien das Ganze als eine Farce zu betrachten, aber immerhin – er saß noch hier.

»Gut oder schlecht …« Der Pater faltete das Schnupftuch zusammen und steckte es ein. »Das ist eine schwierige Frage. Die Vergiftung ist weit fortgeschritten: Die Verfärbung Ihrer Nägel und der Augen, die verhärtete Mundschleimhaut, Ihre Lungengeräusche sind erschreckend, das Knistern der Kristalle ist so laut, dass man es auch ohne Hilfsmittel hören kann.« Er rieb sich über die Wange und das Kinn. »Mr Seymour, ich glaube, Sie sollten ihr Quartier hierher verlegen, wo ich mich um Sie kümmern kann.«

Strix stieß einen erstickten Laut aus. Seymour blickte van Dongeren starr an. »Sie denken, dass es zu Ende geht?«

Der Pater neigte den Kopf. »Das liegt allein in Gottes Hand«, sagte er sanft. »Aber ich will Sie nicht belügen. Es geht nach allem menschlichen Ermessen zu Ende. Aber ich kann versuchen, Ihnen die letzte Etappe Ihres Weges so leicht wie möglich zu machen.«

 

 

Magnus verspürte eine bleierne Müdigkeit. Er saß in diesem Zimmer voller Bücher und fremder Erinnerungen einem Mann gegenüber, der ihm seinen baldigen und elenden Tod mit einer so gleichmütigen Freundlichkeit vorhersagte, dass er ihn am liebsten gepackt und geschüttelt hätte, und fragte sich, warum er überhaupt hergekommen war.

Das Mädchen, Paulinas Schwester, saß auf ihrem Hocker und sah ihn unverwandt an. Es war kein Mitleid, was er in ihrem Blick las, und auch keine Neugier, wie man sie Kuriositäten entgegenbringt, es war eine sachliche Nachdenklichkeit, die ihn irritierte. Das Mädchen überhaupt irritierte ihn. Er hatte angenommen, dass sie aus einer jungmädchenhaften Schwärmerei für einen charismatischen jungen Priester handeln würde, dass dies der Antrieb für ihren Eifer gewesen sei. Aber dann hatte ihn dieser ältliche kleine Eurasier begrüßt, dem man allerlei zuschreiben konnte – Sanftmut, Freundlichkeit und eine gewisse Weltfremdheit – aber ganz sicher kein Charisma, keine Ausstrahlung, die Mädchenherzen zum Glühen brachte.

Magnus strich seine Beinkleider glatt und festigte den Griff um seinen Stock. »Ich möchte mich empfehlen«, sagte er.

»Warten Sie.« Der Priester sah ihn mit diesen Augen an, die Magnus so sehr an Ji Hang erinnerten. »Ich möchte vorher noch etwas versuchen.« Sein Blick streifte das Mädchen und kehrte zu Magnus zurück. Er stand auf, nahm Papier und einen Füllfederhalter von seinem Schreibtisch und legte beides neben Magnus auf das Tischchen. »Schreiben Sie bitte Ihren Namen auf.« Er verschränkte die Hände vor dem Bauch.

Magnus runzelte die Stirn. »Wozu?«, fragte er schroff.

»Bitte«, mischte sich unvermittelt das Mädchen ein. Sie beugte sich vor und musterte ihn intensiv. Er konnte etwas in ihrer Miene lesen, das ihn stutzig machte. Furcht?

»Wozu?«, wiederholte er sanfter, an sie gewandt.

Strix strich eine Locke aus ihrer Stirn und sah ihn weiter an. Ihre durch die Brillengläser vergrößerten Augen waren schön wie die eines Nachttiers. Groß, leuchtend, mit goldenen Sprenkeln in der braunen Iris. Magnus holte seufzend Luft, dann schraubte er den Füller auf und setzte schwungvoll seinen vollständigen Namen auf das Papier: »Lord Magnus Algernon Francis Bartholomew …«, er zögerte kurz, lächelte und schrieb statt des Namens, an den er sich mittlerweile so sehr gewöhnt hatte, seinen Geburtsnamen: »… St. Maur.« Er blickte auf und sah den Priester fragend an.

Der Pater beugte sich vor und nahm ihm Füller und Papier ab. Er las den Namen, nickte knapp und reichte das Blatt dem Mädchen.

Sie nahm es entgegen wie eine Reliquie, mit einem leichten Beben ihrer Finger. Ihre Lippen waren weiß vor Anspannung. Befremdet sah Magnus zu, wie sie den Schriftzug betastete. Sie warf keinen Blick auf die leuchtend blaue Tintenspur, sondern ihre Augen waren mit geradezu entrücktem Blick in die Ferne gerichtet. Ihre Lider flatterten und senkten sich, schlossen den Blick ein.

Magnus sah den Pater fragend an, aber der saß mit gesenktem Kopf da, er schien zu beten.

Magnus war es, als wäre er mit zwei Verrückten eingesperrt. Er zwang sich, den krampfhaften Griff um seinen Stock zu lösen, die Beine entspannt übereinander zu schlagen und sich in Geduld zu fassen.

 

Eine ganze Weile war es still. Der Atem des Mädchens seufzte leise über ihre Lippen. Dann begann sie zu stöhnen. Ihre Finger krallten sich in das Papier, zerknüllten und zerfetzten es. Sie kippte vornüber und wäre aufs Gesicht gefallen, wenn Magnus sie nicht aufgefangen hätte. Er drehte sie behutsam auf den Rücken, bettete ihren Kopf in seinem Schoß und strich einige schweißfeuchte Strähnen aus ihrem Gesicht. »Sie braucht Hilfe«, sagte er scharf und ärgerlich, denn der Pater hatte sich nicht gerührt.

Strix’ Lider flatterten und hoben sich. Sie sah ihm in die Augen und er war gebannt von dem, was er in ihrer Miene las. Sie sah ihn an und xerkannte ihn. Es war ein schreckliches, gleißendes Gefühl der Erkenntnis, das sich zwischen ihnen spannte wie ein Lichtbogen. Sie sah in den Grund seiner Seele und das Gefühl ließ ihn schaudern.

»Magnus«, wisperte sie.

Er berührte ihre Stirn mit den Fingerspitzen. »Strix«, flüsterte er. Ausgeliefert. Er war ihr ausgeliefert wie eine Motte der Kerzenflamme und musste hilflos zusehen, wie er im Strahl ihrer Aufmerksamkeit zu Asche verbrannte.

»Geben Sie ihr das.« Eine Hand schob sich in sein Blickfeld, zerriss den Rapport, ließ Magnus zurückzucken. Ein Glas, gefüllt mit klarer Flüssigkeit. Er roch daran, es war Wasser. Magnus hielt das Glas an ihre Lippen und sie trank. Mit jedem Schluck kehrte etwas Farbe in ihr Gesicht zurück. Sie seufzte, schob das Glas beiseite und setzte sich auf. »Uh«, ächzte sie. Magnus hielt ihre Schulter umfangen und stützte sie.

Pater van Dongeren saß still da, die Hände vor dem Bauch gefaltet, und sah sie an. »Das war schlimm.«

»Ja, Pater.« Ihre Stimme zitterte, ihr ganzer Körper erbebte. »Ja, das war schlimm.« Sie wandte den Kopf und wieder war da dieser Rapport, brennend blau wie Ætherlicht. »Wir müssen uns unterhalten«, sagte sie zu Magnus. »Du steckst in einer schrecklichen Klemme.« Ihre Hand berührte seine Wange. »Du hast verloren, was du liebst«, hauchte sie so leise, dass der Pater es nicht hören konnte. »Das bringt dich um, nicht die Blaukrankheit.«

Sie rappelte sich auf, während Magnus wie erstarrt auf dem Teppich hocken blieb. »Pater van Dongeren«, sagte sie mit kräftiger werdender Stimme, »wir brauchen ein Zimmer für ihn. Eins der Tagzimmer. Er bleibt wahrscheinlich längere Zeit hier.«

Der Pater zog seine Brauen empor. »Kein Nachtzimmer?«

»Nein.« Ihre Stimme war fest. »Wenn wir alles richtig machen, braucht er es noch nicht.«

Magnus versuchte zu verstehen. Tagzimmer, Nachtzimmer? Gut, das letztere schien die Sterbezimmer zu bezeichnen. Aber wie konnte sie davon ausgehen, dass er damit einverstanden war, hierher zu ziehen? Er hob seinen Stock auf und kam auf die Beine, was ihm einige Mühe bereitete. »Ich werde jetzt nach Hause fahren«, sagte er langsam und deutlich. »Mein Chauffeur wird wahrscheinlich schon ungeduldig, wenn ich noch länger bleibe, wird er versuchen, mich mit Gewalt zu befreien.« Das war nur halb ein Witz, fiel ihm ein. Ji Hang hatte die Angewohnheit, ihn zu beglucken wie eine besorgte Henne. Eine besorgte, bis an die Zähne bewaffnete Henne.

Der Pater nickte gleichmütig, aber Strix legte ihm die Hand auf den Arm. »Komm bitte sehr bald wieder«, sagte sie eindringlich. »Ich habe einen Blick in deine Zukunft tun können und die Wege teilen sich. Es ist möglich, dass du in ein paar Tagen tot bist. Es ist aber auch möglich, dass du leben wirst. In den nächsten Tagen wird etwas geschehen, das den Ausschlag für eine der beiden Alternativen geben könnte.«

Er blieb stehen, gebannt von ihrem Blick. »Was bist du?«, fragte er. »Eine Art Hellseherin?«

»Nein.« Sie lachte, was Grübchen in ihre Wangen zauberte. »Ich kann nur lesen.« Sie nahm ohne große Umstände seinen Arm. »Ich bringe dich hinaus.«

Er verabschiedete sich von Pater van Dongeren und ließ sich von der jungen Frau hinausgeleiten. Das Gefühl, sie auf eine seltsame, intime Art kennengelernt zu haben, ohne dass er sie berührt oder länger mit ihr gesprochen hatte, blieb und wollte nicht verfliegen. Es erschien ihm vollkommen natürlich, dass sie ihn vertraulich beim Vornamen nannte. Magnus schüttelte benommen den Kopf.

»Was ist da drinnen zwischen uns passiert?«, fragte er leise und blieb stehen, wodurch er auch sie zum Anhalten zwang.

Strix Gesicht verlor das Lächeln, das es bis jetzt erhellt hatte. Sie standen dicht beieinander in dem engen, düsteren Gang, der zur Eingangstür führte. Magnus spürte ihren Pulsschlag in seinen Adern donnern, er fühlte ihren Atem in seinen langsam versteinernden Lungen. Er schüttelte wieder den Kopf, eine Welle unerklärlicher Angst stieg in ihm auf.

Sie legte ihre Hand auf seine Wange. »Nicht«, flüsterte sie. »Es ist nichts, was du fürchten müsstest.« Sie zögerte, biss sich auf die Lippe. »Das, was jetzt passiert, geschieht sonst nur, wenn einer der Kranken geht«, sagte sie stockend. »Ich habe eine Schriftprobe von jedem von ihnen. Ich halte sie in der Hand, wenn …«

»Wenn der Kranke im Sterben liegt«, ergänzte Magnus. Sein Mund war trocken und er hatte einen metallischen Geschmack auf der Zunge.

Sie neigte leicht den Kopf. »Ich kann ihnen helfen. Ich nehme einen Teil ihrer Schmerzen auf mich.«

Magnus riss die Augen weit auf. Sie sah mit einem Mal nicht mehr aus wie ein unscheinbares junges Mädchen, sondern aus ihrem Gesicht sprachen eine Kraft und ein Ernst, die eine Schönheit zum Leuchten brachte, die er schon früher in ihren Augen entdeckt hatte. Sie stand da, klein und resolut, beide Füße in den unsäglichen Stiefeln fest im Grund verankert, und ihre Augen waren so tief und so alt wie das Innere eines Berges. Er räusperte sich. »Du … du bist älter als du aussiehst, habe ich recht?«

Sie lachte und das brach den seltsamen Zauber. Sie steckte die Hände in die Jackentaschen und hob die Schultern. »Möglicherweise bin ich das«, gab sie zu. »Es hilft, unterschätzt zu werden. Das ist doch sicherlich etwas, was dir auch gelegentlich geholfen hat.« Ihr scharfer Blick streifte sein Gesicht. In einem dieser seltsamen Momente des Rapports erkannte er, dass sie alles über ihn wusste. Alles. Er schauderte. Niemals hatte er jemanden so dicht an sich herangelassen, noch nicht einmal Rasul. Es war gefährlich, nicht nur für ihn, sondern vor allem für die andere Person. »Strix …«

Sie hob die Hand und hielt ihm den Mund zu. »Ich weiß«, sagte sie. »Aber das ist eine besondere Situation. Womöglich, wenn du die falsche Abzweigung nimmst, wirst du dir nicht mehr lange über irgendetwas Sorgen machen müssen.« Sie verzog den Mund. »Und wenn wir es schaffen, dich am Leben zu halten, dann sind wir zwei Seiten einer Münze. Keine Sorge, ich werde dir nicht zur Last fallen. Ich habe meine Aufgaben hier und im Beginenhaus. Das genügt mir.« Sie lächelte ihn beinahe mütterlich an.

Magnus seufzte. »Wer von euch beiden ist die ältere, Paulina oder du?«, fragte er spontan.

Strix lachte laut heraus. »Du bist schlau«, sagte sie. »Sogar Lina vergisst das immer wieder.« Sie deutete zur Tür. »Wolltest du nicht gehen?«

Er stand immer noch unter Schock. Es war die Krankheit, sie machte ihn schwach und angreifbar. »Das ist Magie«, sagte er matt.

»Ja.« Sie schob ihn voran. »Ja, das ist es. Aber du wirst den Mund halten, Magnus. Solche wie ich haben keinen Platz in der Welt, wie sie jetzt ist. Wir sehen zu, dass wir jung und hilflos und ein bisschen dumm aussehen und auf jeden Fall harmlos. Sehr, sehr harmlos.« Mit diesen Worten öffnete sie die Tür und ließ helles Licht in den Gang fallen. »Du vergisst das jetzt alles besser wieder«, sagte sie resolut.

Magnus trat aus dem Haus und schüttelte sich. Einen kurzen Moment lang war er geblendet, Schwindel rauschte in seinem Kopf. Er tastete nach der Hauswand, um sich abzustützen, und seine suchenden Finger trafen auf Stoff. Jemand stützte ihn, ein Arm schlang sich um seine Taille. Er roch Sandelholz und Nelken. Ji Hang. Mit einem Seufzer der Erleichterung überließ Magnus sich der Fürsorge seines Butlers.

Das junge Mädchen, das ihn hinausgeleitet hatte, stieß einen entzückten Ruf aus. Magnus sich klärende Sicht zeigte ihr rundes Gesicht, das vor Freude strahlte. Sie fixierte seinen Butler und sagte dann etwas, das Magnus nicht verstand.

Hangs Griff um seine Hüfte versteifte sich. Der Butler antwortete ebenso unverständlich, er klang reserviert. Magnus hörte, dass er »Ji« sagte.

Das Mädchen klatschte in die Hände. Sie antwortete stockend auf das, was Ji Hang gesagt hatte und der Butler seufzte. Er schüttelte den Kopf. »Ich arbeite für seine Lordschaft. Es tut mir leid.«

Das Mädchen, dessen Name Magnus nicht einfiel, sah ihn nun bittend an. »Herr Seymour, es wäre zu nett von Ihnen, wenn Sie mir erlauben würden, Unterricht bei Ihrem Butler zu nehmen. Ich kenne sonst niemanden, der Mandarin spricht.«

Magnus fühlte sich kräftiger. Er bat Hang mit einem Blick, ihn loszulassen, und richtete sich auf. »Fräulein Rosenzweig« – so hieß sie, er wusste es wieder. Sie war Paulinas kleine Schwester und half dem Pater – »das ist von meiner Seite aus kein Problem. Wenn Hang neben seinen Pflichten die Zeit findet …« Er spürte das Zusammenzucken seines Butlers und sah einen Anflug von Erstaunen über die Miene des Mädchens huschen. Sie sah den Chinesen fragend an. »Hang? Wirklich?«

Ji Hangs Miene war starr. Er schüttelte knapp den Kopf und sagte etwas auf Chinesisch.

Magnus’ Erschöpfung nahm kontinentale Ausmaße an. Er klopfte Hang auf die Schulter und deutete zum Maybach. Der Butler sprang zum Auto und riss den Schlag auf.

»Mr Seymour.« Die Stimme des Mädchens hielt ihn auf. Er sah sie fragend an, während in seinen Schläfen ein scharfer Kopfschmerz zu bohren begann. Sie ruckte verlegen an ihrer Brille. »Sie werden kommen.« Es war keine Frage, und Magnus war zu erschöpft, um sich mit ihr zu streiten. Er hob kurz und nichtssagend die Schultern und stieg in den Wagen.

Er hielt den Blick auf sie gerichtet, während sie am Straßenrand zurückblieb und immer kleiner wurde. »Was hat sie zu Ihnen gesagt, Hang?«

Der Butler kniff die Lippen zusammen. »Sie sucht jemanden, der ihre Aussprache korrigiert«, sagte er abweisend. »Ich habe ihr gesagt, dass ich für so etwas keine Zeit habe.«

Magnus nickte matt und legte den Kopf zurück. Er fühlte sich, als wäre er einem Folterkeller der Ochrana entkommen. Heute Abend musste er wach und bei Kräften sein, sonst würde die Veranstaltung zum Desaster. Er schloss die Augen und ließ alle Gedanken fahren. Er würde schon irgendwoher genügend Kraft zusammenkratzen. Morgen war der wichtige Tag. Das heute war nur ein Vorspiel.

 

Magnus Auge Kapitel

 

CC by-nc-nd Susanne Gerdom

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Teil zwei aus der Reihe um Magnus: Das Chinesische Mysterium.

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