Nov 162014
 

Magnus_01_smVertraue Allah – aber binde Dein Kamel an

 

Ohne Ji Hang hätte er es nicht geschafft. Der Chinese steckte ihn in eine Wanne mit heißem Wasser, rasierte ihn, massierte danach die Steifigkeit aus seinen Muskeln, verordnete ihm eine Stunde Schlaf, fütterte ihn mit einer kräftigen Brühe und Sandwiches, die er zuvor sorgfältig entrindet hatte, und half ihm dann beim Ankleiden. Währenddessen berichtete er, wie die Vorbereitungen für die Abendgesellschaft aussahen, was noch zu tun war, wie sich der Aushilfskoch anstellte und ob man bei einer Wiederholung dieser Veranstaltung erneut einen zusätzlichen Diener einstellen sollte oder lieber Hennes anlernen, der sich überaus gelehrig gezeigt hatte.

Magnus beruhigte die Geschäftigkeit, die sein Butler an den Tag legte. Er konnte nicken und die Gedanken wandern lassen. Irgendetwas war heute geschehen, das ihn bis in die Grundfesten erschüttert hatte, aber er erinnerte sich nur daran, dass der Pater ihn mit Belanglosigkeiten gelangweilt hatte, während Fräulein Rosenzweig stumm danebengesessen hatte. Sie hatten den Wunsch geäußert, er solle in ihrem kuriosen Asyl einziehen. Magnus schnaubte verächtlich. Eher würde er bei Natalja unterschlüpfen, da hätte er wenigstens Unterhaltung und etwas Belebenderes als Wasser oder Tee zu seiner Stärkung.

»Mylord?« Hang hatte ihn etwas gefragt, aber Magnus hatte es nicht beachtet. Er schnitt eine entschuldigende Grimasse und forderte Hang mit einer Handbewegung auf, seine Frage zu wiederholen.

»Ihr nächtlicher Gast, Mr Lidgate …«

»Colonel Lidgate«, sagte Magnus automatisch und biss sich dann fest auf die Lippe. Wenn ihm dieser Lapsus vor der versammelten Gästeschar passiert wäre … »Vergessen Sie es gleich wieder«, sagte er schroff. »Was ist mit Lidgate?«

Hang musterte ihn nachdenklich. »Er wirkt auf mich nicht wie ein Militär«, sagte er. »Geheimdienst?«

»Ich sagte: Vergessen Sie es!« Magnus rieb sich frustriert über die Stirn. »Ich sollte es absagen«, murmelte er. »Hang, ich bin nicht mehr vollständig Herr meiner Sinne. Ich plappere wie ein Kleinkind und meine Hände zittern.« Er streckte sie vor sich aus und betrachtete finster seine bebenden Finger.

Hang berührte leicht seine Schulter. Der Blick seiner schwarzen Augen war mitfühlend und dennoch kühl kalkulierend. »Das ist kein Nachteil, wenn Sie Ihre Gäste davon überzeugen wollen, dass Sie ein reicher Idiot sind, den man leicht ausnehmen kann«, sagte er. »Ich empfehle ein wenig Eau de Cologne und ein ständig nachgefülltes Glas Whisky. Ich sorge dafür, dass eine Karaffe speziell für Sie bereitsteht. Hennes ist instruiert.« Er lächelte schmal und hob einen Zerstäuber. Magnus sah Hang verständnislos an, dann begriff er und begann zu lachen. »Eau de Cologne? Was haben Sie eingefüllt, Sie gerissener Teufel?«

Hang drückte auf den Ballon und ein feiner, scharf riechender Sprühnebel senkte sich über Magnus. »Meine Spezialmischung. Gin und Wodka.« Hang zog einen Mundwinkel hoch.

Magnus schnupperte und verzog die Lippen. »Widerlich.« Er lächelte Hang an, zum ersten Mal seit seiner Rückkehr in die Wohnung fühlte er sich entspannt. »Ich sollte Ihr Gehalt erhöhen«, sagte er.

Hang schüttelte leicht den Kopf und bürstete über die Schultern des Fracks. »Wir sprachen bereits darüber, Sir. Wenn ich ein höheres Gehalt wollte, würde ich das Angebot des Duke of Somerset annehmen.«

Magnus bleckte die Zähne. »Sie sollten es sich überlegen«, sagte er. »Linus ist ein Gauner. Sie würden sich bei ihm pudelwohl fühlen.«

Über Hangs Gesicht ging ein winziges Zucken. »Das bezweifle ich keineswegs, Mylord.«

Magnus wurde ernst. »Hang, versprechen Sie mir etwas. Wenn ich … wenn in den nächsten Tagen das eintritt, wovor wir beide uns fürchten, dann gehen Sie zu ihm. Er schätzt Männer wie Sie. Sie würden bei ihm ein gutes Auskommen haben.«

Hang legte die Bürste beiseite und verschränkte die Hände. »Sehr wohl, Mylord«, sagte er steif. Sein Blick wich Magnus aus.

Magnus seufzte und griff nach seinem Stock. »Ich kenne Sie, Hang. Das hieß im Klartext: ›Gehen Sie zum Teufel, Mylord‹. Nun, seien Sie unbesorgt, genau das werde ich tun.«

 

Die Herren, die seiner Einladung gefolgt waren, gehörten zu Nataljas Stammkundschaft. Magnus kannte einige von ihnen persönlich, er hatte schon des Öfteren mit ihnen gespielt. Die anderen waren ihm von Natalja empfohlen worden, es waren die üblichen wohlhabenden und gelangweilten Nichtstuer, die sich in Spielsalons und Bordellen herumtrieben und ihre Zeit mit Wetten, Kartenspiel, Huren und Alkohol totschlugen. Der Abend hatte vorrangig dazu dienen sollen, Magnus’ Kriegskasse zu füllen, aber dann hatte er bei seinem letzten Aufenthalt in Nataljas Salon den Mann erblickt, dem Hang jetzt gerade den Mantel abnahm. Er nannte sich »Baron von Hardenstein«, aber Magnus kannte ihn unter einem anderen Namen und er wusste, dass etliche Abteilungen der britischen Military Intelligence schon seit geraumer Zeit vergeblich hinter dem Burschen her waren. Er würde ihn General Henderson auf dem Silbertablett servieren und damit vielleicht aushandeln können, dass MI13 ihn künftig in Ruhe ließ. Er war es satt, auf der Flucht zu sein. Und sollte er auch morgen oder übermorgen tot umfallen (zur einzigen Freude seiner alten Freundin Paulina), er wollte diese Zecke aus seinem Pelz entfernt wissen, ein für alle Male. MI13, die Abteilung für Chaos, Disorganization & Desolation, Queen Vickys einfallsreichste Truppe von Unruhestiftern.

Magnus schwenkte seinen Tumbler mit dünnem Fencheltee und ging mit ausgestreckter Hand auf den Neuankömmling zu. »Baron von Hardenstein«, sagte er etwas zu laut und mit einer verwaschen klingenden Aussprache, »ich freue mich, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind. Darf ich Ihnen die anderen Herrschaften vorstellen?«

Der vorgebliche Baron zog die Brauen empor und verzog seinen schmalen Mund zu einem Haifischlächeln. Er erfasste mit einem geübten Blick Magnus’ leicht derangierten Kragen, die bebende Hand und das Glas in der anderen, schnüffelte leicht und zog wie erwartet seine Schlüsse. »Sehr gerne, lieber Lord Magnus«, sagte er jovial. »Sehr, sehr gerne.«

 

Magnus überließ es Hang und dem Aushilfsdiener, die Herren mit Getränken und kleinen Häppchen zu versorgen und inspizierte die drei Spieltische. Der Rauchsalon war intim beleuchtet, die Kartenpäckchen warteten darauf, aufgerissen zu werden, Aschenbecher und Zigarrenkisten standen bereit, Kristall funkelte im weichen Licht. Jetzt fehlte nur noch Owen Lidgate und der Abend konnte seinen Lauf nehmen. Eine bleierne Müdigkeit kroch in Magnus’ Glieder. Er unterdrückte ein Gähnen und kehrte in den großen Salon zurück.

Glücklicherweise musste er sich nicht großartig anstrengen, um seine Gäste zu unterhalten. Die meisten kannten sich und plauderten angeregt über gemeinsame Bekannte und ein Hunderennen, das am gestrigen Tag für Aufregung gesorgt hatte. Magnus begnügte sich damit, jedem Grüppchen eine Weile Gesellschaft zu leisten und dabei angemessen betrunken zu wirken.

Dann klingelte es ein letztes Mal an der Tür und Hang ließ Owen Lidgate ein. Magnus begrüßte ihn überschwänglich und machte ihn mit den Anwesenden bekannt. »Ein lieber Freund aus New London«, sagte er und legte Lidgate einen Arm um die Schulter. »Sir Owen, er hat sein Geld mit Diamanten gemacht. War es nicht so, Owen? Diamanten, oder verwechsele ich da etwas? Für die Glitzersteinchen, die du dem Empire geschenkt hast, hat Vicky dich zum Ritter geschlagen, war es nicht so?« Er schlug dem Älteren fest auf den Rücken und lachte albern.

Lidgate musterte ihn ein wenig befremdet. Anscheinend war er sich nicht völlig im Klaren, wie viel von Magnus’ Trunkenheit gespielt und was womöglich echt war. Er lächelte ein wenig gezwungen und nickte den Herren zu, die sich zu ihnen gesellt hatten. »Faulkner«, sagte er. »Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen.«

»Gehen wir an die Tische«, schlug Magnus vor. Er leerte sein Glas und ließ es sich von Hennes nachfüllen. »Haben alle etwas zu trinken? Wir wollen doch nicht trocken am Tisch sitzen, das wäre zu langweilig. Kontinental langweilig.« Er lachte wieder und hielt sich an seinem Nachbarn fest, als wäre er unsicher auf den Beinen. Nein, verflucht, er war unsicher auf den Beinen, aber das kam ihm heute Abend ausnahmsweise einmal zupass.

 

Sie spielten Whist. Drei Tische mit jeweils vier Spielern, Magnus hatte dafür gesorgt, dass Lidgate mit ihm und dem Baron am ersten Tisch saß. Der vierte Mann war ein schweigsamer Cölner namens Hermann, der laut Natalja vor allem durch Schmuggel und Hehlerei reich geworden war. Er war ein besessener, aber kein guter Whistspieler, er würde in den ersten Runden an Hardenstein verlieren. Der Baron war ein exzellenter Falschspieler, den man nur schwer zu fassen bekam. Magnus freute sich darauf, ihn mit Lidgate in die Zange zu nehmen; er hatte die Karten so manipuliert, dass der Baron mit Lidgate ein Team bildete, während Magnus und Hermann zusammen spielten.

Magnus beugte sich vor und reichte Lidgate einen Aschenbecher. »Bedien dich selbst«, sagte er lallend. »Ich habe meinen Butler deine Marke besorgen lassen, dieses widerliche Kraut raucht ja außer dir niemand.« Er deutete auf ein Zigarillopäckchen, das neben Lidgate auf dem Tisch lag.

Der Engländer nickte leicht und riss die präparierte Banderole auf. Magnus hatte dort den Namen von Baron von Hardenstein notiert. Oder besser gesagt, von Sergej Michailowitsch Rysakow, einem wahrscheinlich im Dienste der Ochrana stehenden Agenten, auf dessen Konto unzählige Sabotageakte, Sprengstoffanschläge, Raubzüge und Attentate auf Mitglieder des Britischen Königshauses gingen. Der Mann hatte sich bisher jeder Verhaftung entziehen können, aber mit ein wenig Glück würde Lidgate ihn mit Magnus’ Hilfe zur Strecke bringen, damit er ihn an das britische Secret Service Bureau ausliefern konnte.

Lidgate wählte umständlich einen Zigarillo aus dem Päckchen. Magnus sah das leichte Zucken seiner Lider und lächelte. Lidgate benutzte das Zettelchen mit dem echten Namen des falschen Barons als Fidibus und sah dann zu, wie es im Aschenbecher verbrannte.

»Diamanten, sagten Sie?«, richtete der falsche Baron das Wort an Lidgate.

Der nickte und strich über seinen Schnurrbart. »Diamanten und Gold«, sagte er knapp. »Mir gehören Anteile der British South Africa Company.« Er schloss den Mund, zog an seinem Zigarillo und ordnete seine Karten.

Magnus sah das Aufblitzen von Gier in den Augen des Barons. Er würde versuchen, Ligdate in eine Wette zu verwickeln, so ging er in der Regel vor. Und beim Brag, das für den weiteren Verlauf des Abends geplant war, würde er sicherlich ungehemmt betrügen.

»Ich könnte Ihnen von Nutzen sein«, sagte von Hardenstein beiläufig, während er einen Stich einstrich. »Ich verfüge über gute Kontakte nach Fernost.«

»Hm«, machte Lidgate gleichgültig. »Warum sollte mich das interessieren?«

»Die Diamantenpreise sind an den kontinentalen Börsen stark eingebrochen, wie Sie wissen.« Der Baron spielte Trumpf aus und zeigte sein Haifischlächeln. Er wusste, dass seine Partei mit diesem Stich six honneurs und wahrscheinlich die Partie gewinnen würde. »In Nippon dagegen werden Diamanten zur Zeit sehr geschätzt. Der Meiji-tennō hat einige anspruchsvolle Konkubinen, nach deren Geschmack sich die feine Gesellschaft ausrichtet.«

Magnus ließ sein Glas auffüllen und gab sich gelangweilt, obwohl er konzentriert zuhörte. Der Baron schwatzte Unsinn, und Magnus glaubte, dass er damit austesten wollte, ob Lidgate ein Narr war, der unverdient zu einem Vermögen gelangt war, oder ob er einen gerissenen Geschäftsmann vor sich hatte. Dass das Kaiserreich Nippon so nach Diamanten gierte, lag daran, dass diese als Werkstoff für den Prototyp einer magitronischen Differenzmaschine benötigt wurden, an deren Entwicklung die Japaner seit Jahren arbeiteten.

Lidgate tat ihm den Gefallen und stellte sich naiv. »Wie wunderbar, dass wir uns heute hier zufällig getroffen haben«, sagte er enthusiastisch.

Magnus gab ein betrunken klingendes Kichern von sich, das er selbst ziemlich gelungen fand. Er kippte den Inhalt seines Glases, schwor sich, in diesem Leben keinen Fencheltee mehr anzurühren, und ließ sich nachschenken. Lidgates Blick ruhte einen Moment lang nachdenklich und fast ein wenig angewidert auf ihm. Magnus grinste ihn breit an und lallte: »Kannst mir ja Provision zahlen, Owen, alter Junge. Bist mir sowieso noch einen Gefallen schuldig.« Er lachte wieder und spielte seine Karte aus.

Der falsche Baron grinste ihn an. »Sie sind ein Mann nach meinem Herzen, Lord Magnus«, sagte er und stach mit dem letzten Trumpf dieser Partie.

 

Der Abend nahm seinen Lauf. Die Luft wurde dick vom Zigarren- und Zigarettenrauch, drei Mitspieler, die eine Pechsträhne hatten, verabschiedeten sich gegen Mitternacht, der Rest rückte an einem Tisch zusammen und wechselte zum Brag.

Jetzt war der falsche Baron in seinem Element. Er zauberte eine Karte nach der anderen aus dem Ärmel, trickste beim Mischen und gewann Runde um Runde. Magnus stieg irgendwann aus, indem er vorgab, er wäre zu betrunken, um noch seine Karten halten zu können. Er flegelte lang ausgestreckt in seinem Sessel, trank Tee (mittlerweile war er beim Kamillentee angelangt, den er genauso hasste wie seinen Vorgänger), stierte vor sich hin und beobachtete währenddessen das Geschehen. Er kam dahinter, wie der Russe es machte. Wenn Lidgate so schlau war, ihn noch ein wenig an der Leine zappeln zu lassen, könnte Magnus den falschen Baron in der Zwischenzeit im Casino um sein Bares erleichtern, was ihm ein doppeltes Vergnügen bereiten würde.

Lidgate und Baron von Hardenstein lieferten sich ein grandioses Gefecht. Der Baron war überaus bemüht, sein zukünftiges Opfer nicht wie die übrigen am Tisch bis auf die Schuhsohlen auszunehmen, deshalb häufte sich mittlerweile auch vor Magnus’ altem Freund ein erkleckliches Häufchen Geld. Ein Spieler nach dem anderen strich die Segel, aber keiner von ihnen schien sich durch die Glückssträhne des Barons sonderlich düpiert zu fühlen. Die Herren hatten einen entspannten und amüsanten Abend mit hochklassigen Getränken und Zigarren verbracht und das allein schien zu zählen. Ein jeder von ihnen versicherte dem glasig blickenden Gastgeber, es wäre ein großartiger Abend gewesen und man möge gerne wieder an ihn denken, wenn so etwas erneut anstünde.

Magnus richtete es sich in seinem Sessel häuslich ein, während die letzten vier Spieler sich erneut dem Whist zuwandten. Er ließ seine Aufmerksamkeit abschweifen, denn allem Anschein nach hatte Lidgate die Situation im Griff. Er skizzierte bereits den ganzen Abend immer wieder in knappen Nebensätzen seine zukünftige Partnerschaft mit Baron von Hardenstein, um den japanischen Markt zu erobern.

Eine Partie endete und die Spieler legten eine Verschnaufpause ein. Ein weiterer Spieler empfahl sich und ging, von Hardenstein verschwand, um sich frischzumachen, und Lidgate kam zu Magnus, ließ sich in den Sessel neben ihn fallen und verschränkte die Hände über dem Bauch. Er warf Magnus einen Seitenblick zu. »Findest du nicht, dass du genug hast?«, fragte er.

Magnus wandte ihm langsam den Kopf zu und schenkte ihm ein träges Grinsen. »Nein, du?«

Lidgate schnaubte missbilligend. »Ich hätte nicht gedacht …«, fing er an, als der falsche Baron zurückkehrte und bei ihnen stehenblieb. »Nun, entweder spielen wir ab jetzt nur noch zu dritt oder unser verehrter Gastgeber gesellt sich für die letzte Partie am heutigen Abend zu uns.« Er lächelte humorlos. »Oder setzen Sie uns vor die Tür, lieber Lord Magnus?«

»Was wäre ich für ein schlechter Gastgeber, wenn ich das übers Herz brächte?«, erwiderte Magnus. Er griff nach seinem Glas, verfehlte es beim ersten Anlauf und setzte es dann mit einem harten Klirren gegen seine Zähne an die Lippen, wobei er einen guten Teil des schönen Kamillentees über seine Hemdbrust verteilte. Ji Hang würde ihn umbringen.

Er stemmte sich auf die Füße, stolperte beinahe über die Teppichkante und fing sich an Lidgates Schulter ab. »Hoppla«, nuschelte er. »Haben wir heute Seegang?« Er lachte und von Hardenstein stimmte gut gelaunt ein. Der Baron griff nach seinem Ellbogen und leitete ihn zum Spieltisch, zog seinen Stuhl heraus und schob ihn auf die Sitzfläche. »So«, sagte er fürsorglich, »das ist doch fein. Dann spielen wir noch eine Partie, wir tapferen Überlebenden.«

»Baron«, sagte der der letzte Spieler, ein Italiener namens Corelli, mit deutlichem Unbehagen, »halten Sie das für fair? Der Mann ist sturzbesoffen.«

Von Hardenstein gab sich unbekümmert. »So lange er seine Karten halten kann, ist doch alles in Ordnung«, sagte er. »Was halten Sie davon, wenn wir Bézique spielen?«

Magnus musste an sich halten, nicht amüsiert zu pfeifen. Dieser raffinierte Hund hatte vor, noch Saft aus der Zitrone zu quetschen. Ein betrunkener Gegenspieler beim Chouette würde ihm bares Geld einbringen – sowohl bei seinen eigenen Spielen als auch bei den Wetten gegen Magnus als Hauptspieler.

Der Italiener war einverstanden, Lidgate sträubte sich ein wenig und murmelte etwas von »Fair Play«.

»Nun sag schon ja«, lallte Magnus und begann zu mischen. »Sei kein verdammter Spielverderber, Owen.«

Sie spielten und Magnus verlor. Es war ihm gleichgültig, er würde sich all das mit Zinsen von dem Russen wieder zurückholen. Wenn er Magnus für einen Narren hielt, den man abfüllen und dann ausziehen konnte – umso besser. Das war gut investiertes Geld, zumal es nicht seinem eigenen Beutel entstammte, sondern aus seinen Gewinnen am heutigen Abend. Magnus ignorierte die besorgten und ärgerlichen Blicke seines Freundes und gab weiter den betrunkenen Vollidioten.

Endlich erbarmte sich der falsche Baron und blies zum Aufbruch. Ji Hang, der die Aushilfen längst nach Hause und Hennes ins Bett geschickt hatte, erschien schweigend mit der Garderobe der Herren und half ihnen in die Mäntel. Magnus stand auf und stellte fest, dass er das Schwanken und Taumeln nicht mehr vortäuschen musste. Vor seinen Augen tanzten Funken und zuckten Blitze, seine Beine drohten unter ihm nachzugeben und nur der beherzte Griff seines Butlers bewahrte ihn davor, der Länge nach mit dem Gesicht voran auf den Teppich zu stürzen. Er würgte und rang nach Atem.

»Du lieber Himmel, Magnus«, rief Lidgate angewidert aus. Er nahm Hut und Handschuhe entgegen und nickte Ji Hang steif zu. »Bringen Sie Ihren Herrn zu Bett. Wir finden alleine hinaus.«

 

Magnus nahm nur noch am Rande wahr, dass sich die Tür hinter den drei Männern schloss. Er stützte sich mit halb geschlossenen Augen auf Ji Hangs Arm und kämpfte darum, nicht das Bewusstsein zu verlieren. Der Druck in seinem Brustkorb schien ihm die Rippen brechen zu wollen. »Weck Hennes«, brachte er heraus. »Hol den Wagen. Ich muss in die Unterstadt. Jetzt.«

Er wartete im Sessel am Eingang darauf, dass Ji Hang seine Anordnungen ausführte und rang währenddessen damit, nicht das Bewusstsein zu verlieren. Durch das beständig lauter werdende Dröhnen in seinen Ohren flüsterte die Stimme einer Frau: »Komm zu uns, Magnus. Komm, damit wir dir helfen können«, aber er ignorierte den Ruf, obwohl er so drängend war und ein Teil von ihm nichts lieber getan hätte, als ihm Folge zu leisten. Er widerstand und fokussierte sich auf das, was zu geschehen hatte. Paulina hatte ihm für heute die Maschine versprochen. Er wusste also, dass sie wahrscheinlich seit gestern fertig mit ihrer Arbeit war und den Tag noch nutzen wollte, um auf Nummer Sicher zu gehen. Sie musste ihn empfangen, jetzt. Sie wollte ihn leiden und sterben sehen, also würde sie ihn nicht fortschicken, um das Schauspiel nicht zu verpassen.

Magnus überprüfte seine Berechnungen, fand keinen Fehler darin und erlaubte sich den Luxus, für einige dunkle Minuten das Bewusstsein zu verlieren.

 

Magnus erlebte die Fahrt zum Dom wie einen unklaren Traum. Er lag mehr, als er saß, im Fond des Maybachs und kämpfte darum, bei Bewusstsein zu bleiben. Hennes saß vorne neben Ji Hang und nahm dessen Instruktionen entgegen.

Der Butler chauffierte den Wagen so dicht wie möglich an einen der Aufzüge heran. Er half Magnus aus dem Fond, und er und Hennes trugen ihn beinahe zum Aufzug. Magnus protestierte nicht, er rang nach Luft.

»Bleiben Sie an der Oberfläche«, sagte er keuchend zu Ji Hang. »Hennes kann mich …«

Sein Butler ignorierte die Anweisung und bestieg mit ihm die Kabine. Er blickte stoisch geradeaus und schien Atemübungen zu vollziehen, während die Kabine in die Tiefe sank.

Im Untergeschoss übernahm Hennes die Regie. Er wies den Weg und stützte Magnus beinahe alleine, weil Ji Hang mit seinen Ängsten rang. Der Butler hatte Schweißperlen auf der Stirn, seine Lippen waren zu einem farblosen Strich zusammengepresst und seine Nasenflügel blähten sich, aber er schritt ohne zu zaudern voran.

»Gehen Sie zurück, Hang«, murmelte Magnus erneut. Hang ignorierte ihn weiter.

Mit dem Pass, den Magnus von Paulina bekommen hatte, konnten sie auch die nächste Ebene per Lift erreichen. Das war gut, denn den Abstieg über eine der rostigen Leitern hätte Magnus nicht geschafft. Er gönnte sich den Luxus, sich in der schmutzigen Kabine auf den Boden zu hocken und ein paar Atemzüge lang die Augen zu schließen. Hennes und Ji Hang unterhielten sich leise.

»Er hat nichts getrunken«, hörte er Hennes sagen. »Was ist es dann?«

»Die Krankheit, Hennes«, erwiderte der Butler mit flacher Stimme. Er atmete hörbar schwerer. »Es ist diese schreckliche Krankheit, die ihn langsam tötet.«

»Er ist blausüchtig, sagt Köbes.« Er sagte das ohne jede Verurteilung, ohne die Verachtung oder den Abscheu, den eine solche Aussage gewöhnlich begleitete. Es war die nüchterne Feststellung einer Tatsache. Wäre Magnus weniger schwach gewesen, hätte er Hennes dafür die Hand geschüttelt.

»Dein Vater weiß nicht alles«, erwiderte Hang. Diskret bis in die Haarspitzen. Magnus lachte leise und öffnete die Augen, im selben Moment hielt die Kabine an.

Seine Begleiter halfen ihm auf die Beine und sie bewältigten den letzten Rest der Reise durch die Dunkelheit. Magnus spürte das leichte Beben, das Ji Hang alle paar Schritte durchfuhr. »Sie können zurück an die Oberfläche gehen, sobald Sie mich abgeliefert haben«, versuchte Magnus erneut sein Glück und wurde wieder mit einem stoischen Kopfschütteln abgespeist. Er seufzte und konzentrierte sich darauf, einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Selbst zu dieser frühen Morgenstunde waren Menschen in den finsteren Gängen unterwegs. Hier unten gab es keinen Rhythmus von Tag und Nacht, erinnerte sich Magnus. Es war jedem Bewohner der Unterwelt selbst gegeben, seinen Tag zu strukturieren, und da viele von ihnen keinen Fuß mehr an die Oberfläche setzten, sondern höchstens das oberste der Untergeschosse betraten, hatten sie auch keinen natürlichen Zeitmesser mehr, der ihnen Tag oder Nacht vorschreiben konnte.

 

Ji Hang klopfte energisch an den Türpfosten von Paulinas Haus. Er wartete nicht, bis die Magistra sich meldete, sondern schob den Türvorhang beiseite und trat ein. Wenig später hörte Magnus Paulinas zornige Stimme, die den Eindringling beschimpfte.

»Gehen wir hinein«, sagte Magnus matt. »Ich will nicht, dass einer von beiden ernsthafte Blessuren erleidet.«

»Magnus, du wagst es, hier einfach einzudringen und deine Lakaien anzuschleppen?« Paulina Rosenzweig stand mit verschränkten Armen vor ihm. Sie schlief entweder in ihren Kleidern oder sie war schon wach gewesen.

»Der Apparat«, sagte Magnus, zu krank, um lange um den Brei herumzureden. »Ist er fertig?«

Sie fasste ihn ins Auge und ein frohlockendes Funkeln zeigte an, dass sie begriff. »Es ist soweit, oder?«, sagte sie leise. »Der Tag, auf den ich gewartet habe?«

Magnus nickte knapp und hob die Hand. »Zuerst: Die Maschine!«

Paulina starrte ihn fasziniert an. »Hast du Schmerzen, Magnus? Tut es weh?«

Er hörte Hennes leise murren und spürte, wie sich Ji Hang neben ihm versteifte. »Geht hinaus«, bat er müde. »Lasst uns allein, bitte.« Er tastete sich zu einem Stuhl und sank darauf nieder. »Ja, Lina. Ich habe Schmerzen. Es tut weh, ungeheuer sogar. Ich leide und ich verspüre Todesangst.« Er hob seine Hände und zeigte ihr, wie sehr seine Finger zitterten. »Bist du zufrieden, alte Freundin?«

Sie hockte sich vor ihn hin, die Hände im Schoß gefaltet, und schmiegte ihre Wange an seine Hand. »Sehr, Mags«, flüsterte sie. »Ich bin über die Maßen glücklich.« Ihre Lippen strichen liebkosend über seine Handfläche.

Magnus legte seine Hände um ihr Gesicht und ließ seine Stirn auf ihrer ruhen. »Zeig mir die Maschine, Lina«, bat er.

Sie verharrte eine Weile in dieser Perversion einer liebevollen Berührung, dann stand sie auf. Magnus hörte, wie das leise Klicken und Schnarren ihres künstlichen Beins sich entfernte. Stoff raschelte, eine Plane knisterte. Lina stieß einen kleinen, erwartungsvollen Laut aus und sagte: »Sieh her.«

Magnus drehte sich mühsam im Sitz und erblickte einen verwirrend komplex aussehenden Mechanismus, der auf einer Werkbank thronte wie das Ausstellungsstück eines geisteskranken Uhrmachers. Zeiger und Skalen, Zahnräder, Pendel und Antriebsketten, Hebel und Arme, eine Unruh, die im Herzen eines grün schimmernden Kristalls zuckte …

»Das ist sie?«, fragte Magnus skeptisch. »Die Zeichnung sah anders aus.«

»Die Zeichnung!« Paulina spuckte aus. »Die war Mist. Kompletter Blödsinn. Wer die gemacht hat, wusste nicht, was er da zeichnet. Aber die Erläuterungen des Konstrukteurs waren umso besser.« Ihr Blick wurde weich. »Ich würde ihn gerne einmal kennenlernen. Ein Genie, Mags, ein echtes Genie.«

Magnus hustete röchelnd. Die Zeichnungen stammten von Malik, einem der unbegabteren Magitroniker im Dienste des Sultans. Rasul hatte sich immer über ihn lustig gemacht. Dennoch hatte er die Zeichnungen des Mannes als Grundlage für seine Notizen genommen. Sie waren davon ausgegangen, dass Rasul die Flucht gelingen würde, und für diesen Zweck hätten die Pläne ausgereicht. Wahrscheinlich war Paulina Rosenzweig die einzige Magitronikerin des Kaiserreichs, die diese Maschine trotz der unzureichenden Pläne hatte bauen können.

»Er ist tot«, sagte Magnus und tupfte sich die Lippen und das Kinn ab. Blutig blauer Schaum. Er bemerkte, dass Paulina ihn fasziniert fixierte. »Weiter«, sagte er schroff. »Schalte sie ein.«

Paulina verschränkte die Arme vor der Brust. »Was geschieht, wenn ich das tue?«, fragte sie streng. »Billa hat mich davor gewarnt, sie in Betrieb zu nehmen, Magnus. Sie ist ein lästiges Ding, aber sie hat ein Gespür für Unheil.«

Magnus hustete wieder. Der Reiz schnitt wie Rasiermesser durch sein Lungengewebe. »Sie hat keine Ahnung«, sagte er kurzatmig. »Niemand kann mit dieser Apparatur etwas anfangen oder gar etwas Böses ausrichten. Sie ist wichtig, aber nur für mich.« Er zog sich am Tisch in die Höhe und tappte zur Werkbank. Seine Finger fuhren über das unebene Gehäuse, die schimmernden Drähte und Zahnräder, das kühle Metall. Er spürte ein Vibrieren, das sich in seinem Körper fortpflanzte. »Du hast sie schon aktiviert?«

Paulina schüttelte ungeduldig den Kopf. »Nein, sie ist … sie ist so. Es ist Leben in ihr. Wenn du sie anschalten willst, dann benütze den Hebel links.«

Magnus legte die Hand darauf. Er holte vorsichtig tief Luft und stieß sie mit einem Hüsteln wieder aus.

Der Vorhang der Tür wurde beiseite gerissen und jemand stürzte ins Zimmer. »Lina«, rief eine atemlose Stimme. »Magnus. Nein, schalte sie nicht ein!« Der Aufschrei verklang, als Magnus kurz entschlossen den Hebel herunterdrückte.

 

Die Zeit hielt an. Magnus stand in der Mitte einer sich langsam vergrößernden Blase aus Stille und Bewegungslosigkeit. Sein Atem, sein Pulsschlag, das Blut in seinen Adern – alles stand still, aber dennoch war er weder tot noch bewegungsunfähig. Es war ihm, als schwebte er in einer geleeartig erstarrten Luftblase, hinter der das Treiben der Welt unbeirrt seinen Fortgang nahm.

Er drehte sich langsam um seine Achse und fischte nach seiner Erinnerung. Was musste er tun? Sein trüber Blick wanderte über die Skalen und Schalter der Maschine. Dort konnte er das Datum einstellen. Es war wie mit Säure in sein Gedächtnis geätzt, wie hätte er es je vergessen können? Steiffingrig verstellte er die Rädchen, bis Tag, Jahr und Stunde weiß auf schwarz in der Anzeige erschienen. Tag, Jahr und Stunde des Todes. Sein Finger zitterte über dem Knopf neben der Anzeige, dann riss er ihn mit einem Aufstöhnen zurück. Wollte er wirklich genau diesen Moment wieder erleben? Wieder und wieder, für alle Zeit? Er rieb die feucht gewordene Hand an seiner Jacke trocken und verdrehte die Datumsanzeige. Eine Woche vorher. Sie hatten gehofft und geglaubt, die Flucht würde ihnen gelingen. Dann waren die Schergen des Sultans gekommen und hatten Rasul davongeschleift, in den Kerker, zu Folter, Qual und Tod.

Er kontrollierte die Anzeige, dann drückte er den Knopf.

 

Ein blendend schwarzer Blitz, dessen Ränder ætherblau gleißten. Magnus schloss für einen winzigen Moment die Augen. Die Blase der Zeitlosigkeit platzte und er taumelte unter dem wuchtigen Anprall der Zeit, die an ihm riss, um ihn wieder in ihren Strom zurückzuholen. Er wankte und hielt sich an der Werkbank fest. Wenn alles stimmte, wenn Rasul sich nicht verrechnet hatte, wenn die Maschine tat, wofür sie konstruiert worden war … Er blickte sich hastig um. Die Schwestern Rosenzweig standen Arm in Arm und sahen ihn fassungslos an. Hennes und Ji Hang standen neben der Tür, Hang hielt einen Revolver im Anschlag. Seine Augen waren aufgerissen, zum ersten Mal, seit Magnus ihn kannte, sah er Angst darin.

Unwichtig. Unwichtig. Er drehte sich weiter, von einem Gefühl der Panik gepackt. Wo war er? Er musste hier sein, hier irgendwo in diesem düsteren, chaotischen Durcheinander von Werkstatt …

Magnus stieß einen tiefen, stöhnenden Laut aus, der ihn selbst erschreckte. Neben der Tür zum Nebenzimmer stand eine helle, schlanke Gestalt, er erkannte ihn an der Haltung, ehe er die dunklen Locken, das sanfte, kluge Gesicht, die schwarzen Augen erkannte.

Er fühlte, wie seine Glieder ihren Dienst verweigern wollten, und zwang sich mit einem letzten Aufbäumen von Willen und schwindender Kraft, auf ihn zuzutorkeln. Er wollte Rasul noch einmal umarmen, ein letztes Mal seine Hände spüren, seinen Atem kosten, in seine lächelnden Augen blicken. Wenn es geglückt war, wenn er Rasul ins Leben zurückgeholt hatte, dann war es alle Anstrengung und jede Qual der letzten Jahre wert gewesen, dann starb er glücklich. In seinen Armen, mit dem Blick in seinen Blick versenkt …

Er fiel voran, griff nach den Händen, die sich nach ihm ausstreckten, sah die Bewegung des schönen Mundes, gierte danach, Rasuls Stimme zu hören, aber da war … nichts. Seine Hand fuhr durch die Erscheinung, die körperlos war wie ein Schatten an der Wand. Das Bild zitterte und verblasste, verschwand, war fort.

Magnus brach in die Knie und schrie seinen Schmerz heraus. Während er vornüber fiel, hörte er eine Stimme seinen Namen wispern. Die Nacht senkte sich über ihn und sein Bewusstsein erlosch wie eine Kerze im Sturm.

 

Magnus Auge Kapitel

 

CC by-nc-nd Susanne Gerdom

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Teil zwei aus der Reihe um Magnus: Das Chinesische Mysterium.

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