Nov 232014
 

Magnus_01_smÄgypten ist für den, der hin will, nicht weit

 

»Es wird alles gut.«

Die Stimme murmelte besänftigende, tröstende Worte. Die Stimme war die ganze Zeit bei ihm. Sie gehörte zu den Händen, die sanft waren und tröstlich. Die Stimme nannte ihn Magnus, aber er kannte niemanden, der so genannt wurde. Magnus. Er wusste nur von jemandem, der Rasul hieß, Rasul …

Der Name machte ihn traurig.

In den Nächten war da eine andere Stimme, weich und sanft, mit Händen, die seine Stirn streichelten. Eine Frau, eine andere Frau. Er schmiegte seine Wange an die Hände, genoss das Gefühl auf seiner Haut.

Diese Berührungen bedeuteten Linderung, alles andere war Schmerz. Licht war Schmerz, Dunkelheit Pein. Bewegung war Qual, Stille Folter. Atmen – Atmen war die Hölle. Jedes Einatmen setzte die Brust in Flammen, jedes Ausatmen zerfleischte seine Lungen.

Ein feuchtes Tuch kühlte seine Schläfen, wischte den Schweiß von seiner Stirn. »Es wird alles gut, Magnus.«

 

Der Schmerz veränderte sich. Er begann zu sehen. Gesichter, die er kannte, noch keine Namen, an die er sich erinnerte. Das schmerzhafte Atmen war zu einer Tortur von Husten geworden. Husten, der in einem steten Strom schimmernde ætherblaue Kristalle ausspie, die zu ætherblauer, scharfer, nach Ozon riechender Flüssigkeit wurden, sobald sie mit der Luft im Zimmer in Berührung kamen. Seine Kehle war so wund wie seine Lunge sich anfühlte. Seine Augen tränten oder scheuerten, als wären die Lider aus Sandpapier. Er erinnerte sich an seinen Namen, immerhin, das tat er, aber sehr viel mehr war nicht in seinem Kopf, der angefüllt schien mit glitzerndem, scharfkantigem, ætherblauem Kristall.

Zwei Frauen, zwei Männer, die sich um ihn kümmerten. Er freute sich darauf, wenn die Frauen mit ihren weichen Händen, ihren sanften Stimmen bei ihm saßen, sein Gesicht kühlten, den blutig blauen Schleim abwischten, leise mit ihm redeten.

Der ältere Mann kam seltener vorbei, er saß still am Bett und schien zu beten. Er hatte ihm die Stirn mit Öl eingerieben, es roch streng und beruhigend zugleich. Er schlief ein und wachte auf, wobei sich Wachen und Schlafen kaum voneinander unterschieden, und der jüngere Mann saß bei ihm, hielt seine Hand und las ihm aus einem Buch vor. Er war zu müde und zu krank, um wirklich zuzuhören, aber das leise Murmeln nahm ihm etwas von der Angst.

Er wartete darauf, dass Rasul zu ihm kam, aber Rasul blieb fern. Er konnte nicht kommen, der Sultan hielt ihn gefangen. Warum vergaß er das immer nur? Er musste aufstehen, er durfte hier nicht liegen und es sich gut gehen lassen. Rasul, er musste Rasul befreien. Durch den Bosporus, mit einer Kugel in der Schulter. Er lag in dem Fischerboot, das Boot schaukelte auf den Wellen, aber da war die Frau, die seine Hand hielt.

»Alles wird. Gut.«

 

Kristalle schäumen aus seiner Nase, seinem Mund. Er erbricht sie in einem stetigen, ätzend kalten Strom. Sie zerfleischen ihn, während er sie ausbricht, und verwandeln sich in blaue Tränen.

Die Frauen sind da. Er hört den älteren Mann irgendwo am Fenster beten.

»Eine Kaskade«, sagt die eine Frau, die jüngere, die mit der Brille. »Hörst du die anderen schreien? Wir müssen sie übersteuern, er reißt sie sonst alle mit.«

Schreie. Jetzt, wo sie es sagt, hört er sie auch. Rundherum. Viele Stimmen, junge, alte. Sie schreien, wimmern, kreischen in Todesangst.

Er verschließt seine Ohren, es ist zu viel, diese Schreie scheinen die Kristalle nur noch stärker aus ihm hervorbrechen zu lassen. Er ringt nach Luft, aber der Kristallschaum ist in seiner Nase, seinem Mund, läuft aus seinen Augen, er erstickt …

»Sie wachsen aus seinen Augen«, ruft der jüngere Mann, er klingt so angsterfüllt wie Magnus sich fühlt. Voller Angst, voller Kristalle.

»Wir müssen die Kaskade übersteuern«, wiederholt die jüngere Frau und setzt etwas in schnellem Chinesisch hinzu. Die ältere Frau nimmt seine Hände und zieht sie mit festem Griff über seinen Kopf, bindet seine Handgelenke an etwas fest. Er würde stöhnen, wenn er könnte, aber der stete Strom ætherblauen Kristallschaums erstickt alles, was aus seiner Kehle kommt.

Seine Brust droht zu platzen. Er bäumt sich auf, legt den Kopf in den Nacken, blind, taub, dem Ersticken nah. Jemand macht sich an seinem Brustkorb zu schaffen, fester Druck auf die Rippen, rhythmisch, schnell, er hört das Knacken seiner Rippen. Sie drohen zu brechen, der Schmerz ist ungeheuer. Ein erstickter Schrei quält sich durch die Kristalle in seinem Hals, seinem Rachen, seinem Mund. Er betet um eine Ohnmacht und sein Gebet wird erhört.

 

Er fühlte sich wund und zerschlagen und so schwach wie ein neugeborenes Kätzchen, als er die Augen aufschlug.

Das Zimmerchen, in dem er lag, war nicht viel größer als das Bett, in dem er sich befand. An der Wand hing ein schlichtes hölzernes Kreuz, durch ein Fensterchen hoch oben in der Wand fiel diffuses Tageslicht, neben seinem Kopf stand ein Tischchen mit einer Teetasse, Wasser und einer Schale mit Tüchern und Watte, gegenüber im Winkel stand ein Sessel, über dessen Armlehne eine Decke hing.

Er blinzelte, seine Augen waren wund wie nach einem Ritt durch die Wüste. Er leckte sich über die aufgesprungenen Lippen und fühlte in seinen Körper hinein. Die Schmerzen waren überall, aber am stärksten im Bereich seines Brustkorbs, der sich anfühlte, als hätte ein Elefant ihn als Trampolin benutzt.

Magnus blinzelte langsam und rekonstruierte die letzten Ereignisse, an die er sich erinnern konnte. Er hatte zu einem Kartenspiel eingeladen. Dort waren Lidgate und Baron von Hardenstein miteinander ins Geschäft gekommen. Gut.

Dann … dann war er umgekippt. Er hatte sich zu Paulina bringen lassen.

Ein Atemzug hob seine schmerzende Brust, er unterdrückte den Hustenreiz, der dadurch entstand. Ein Moment der Panik. Er würde husten und der blaue Kristallschaum würde beginnen, ihn zu ersticken.

Nach einigen Augenblicken verging das Kitzeln und Kratzen und er konnte wieder nachdenken. Die Maschine. Paulina hatte doch sicher längst die Maschine fertig, er musste sie …

Die Erinnerung traf ihn wie ein Bleigewicht und schmetterte ihn zu Boden. Sie hatte versagt. Die Apparatur, auf die er seine ganze Hoffnung gesetzt hatte. Rasul …

Er setzte sich auf, oder vielmehr, er versuchte sich aufzusetzen, scheiterte aber daran, dass er an Händen und Füßen mit Lederriemen ans Bettgestell gefesselt war. Panik stieg in ihm auf. Er stemmte sich gegen seine Fesseln und krächzte einen Hilferuf.

Die Tür sprang auf und eine rundliche junge Frau mit dunklen Locken eilte an sein Bett. »Magnus«, sagte sie mit so deutlicher Erleichterung, dass seine Angst verging. »Du bist bei Bewusstsein.« Sie berührte mit sachten Fingern seine Stirn und Wangen und nickte. »Kein Fieber. Warte, ich mache dich los.«

Während sie sich an seinen Handgelenken zu schaffen machte, sprach sie leise weiter: »Hang hat sich einen Moment hingelegt. Wir dachten, dass du noch länger bewusstlos sein würdest, deshalb habe ich dich alleingelassen. Wenn ich gewusst hätte, dass du aufwachst, wäre ich bei dir geblieben. Wir mussten dich fixieren, es bestand die Gefahr, dass du dich sonst verletzt.« Seine Hände waren frei, jetzt kümmerte sie sich um seine Fußgelenke, während sie mit ihrer sanften Stimme weitersprach. Es beruhigte ihn, ihr zuzuhören. Er kannte ihre Stimme, sie hatte die ganze Zeit zu ihm gesprochen, seine Angst genommen, ihn besänftigt. Zu ihr gehörten auch die weichen Hände, die so tröstlich über seine Stirn gestrichen hatten. Ihr Name, er konnte sich nicht an ihren Namen erinnern …

Sie blickte auf, sah direkt in seine Augen. »Strix«, sagte sie.

Strix. Das Käuzchen. Paulinas Schwester. Eine harmlose kleine Begine, die dem Pater half …

Nein. Magnus riss die Augen auf und starrte Strix an. »Du hast mich vergessen lassen«, sagte er rau. Seine Kehle war so wund, dass jedes Wort wie eine Rasierklinge durch seinen Hals schnitt. »Du hast mich vergessen lassen, wer du bist.«

Strix füllte eine milchige Flüssigkeit aus einem kleinen Krug in das leere Glas und füllte es mit Wasser auf. »Trink das«, sagte sie. »Wir haben die Kristalle auflösen können, ehe sie dich töten konnten, aber ihr Wachstum ist nicht völlig gestoppt. Du hast innere Verletzungen und wir müssen uns etwas überlegen, wie wir es verhindern, dass alles von vorne beginnt.« Sie sah müde aus.

Er stützte sich auf die Ellbogen, was seinen Körper zum Zittern brachte, und sie setzte das Glas an seine Lippen. Es schmeckte kreidig, aber nicht unangenehm. Er sank zurück und schloss einen Moment lang die Augen. »Aufgelöst?«, fragte er. Blutiger blauer Schaum, glitzernd wie Kristalle, der ihm aus Mund, Nase und Augen drang. Er schauderte.

»Ja, größtenteils.« Ihre gleichmäßige, sanfte Stimme nahm ihm die Angst. Wahrscheinlich legte sie etwas von ihrer Magie hinein, wie auch immer sie das anstellte, aber es tat sein Werk.

Er nickte knapp. »Ich bin immer noch krank«, stellte er fest.

»Ja.« Sie seufzte und stellte das Glas beiseite. »Eine vollständige Heilung ist nach unseren Erkenntnissen nicht möglich. Du bist vergiftet worden, erinnerst du dich daran?«

Er nickte schwach. »Du sagtest es mir.«

Sie schwieg. »Du weißt nicht, wer es getan hat?«

»Ich habe eine Vermutung, allerdings eine recht unbegründete.« Er holte tief Luft und bereute es gleich darauf, weil der Hustenreiz mit Macht zurückkehrte.

Strix stützte ihn, während er röchelnd und würgend darum kämpfte, die Gewalt über seinen Körper zu behalten. Sie wischte seine Lippen und das Kinn mit einem sauberen Leintuch ab und er bemerkte die blutig-blauen Flecken, als sie es in einen Eimer neben dem Bett warf.

»Paulina«, sagte er, als er wieder so weit bei Kräften war, die Unterhaltung fortzusetzen. »Wie hast du es geschafft, mich aus ihren Fängen zu befreien?«

Strix lachte, hell und mädchenhaft. Ihre Augen funkelten. »Ich habe sie nur kurz daran erinnert, wer von uns beiden die ältere ist«, sagte sie vergnügt. »Sie vergisst es gelegentlich.«

Magnus lag mit geschlossenen Augen da und fühlte den Schlaf mit Macht herannahen. »Sie muss wütend gewesen sein«, murmelte er.

»Sie hat getobt.« Geschickte Hände steckten das Laken um ihn herum fest. »Schlaf, Magnus. Die Welt dreht sich ein paar Tage ohne dich weiter.«

 

Als er das nächste Mal die Augen aufschlug, wusste er sofort, wo er sich befand. Immer noch war er schwach und fühlte sich krank, aber sein Verstand arbeitete wieder. Er wandte den Kopf und sah Ji Hang auf einem Hocker neben dem Bett sitzen. Er las in einem Buch und sah genauso müde aus wie Strix bei ihrem letzten Gespräch.

Magnus sprach seinen Butler nicht an, er betrachtete ihn voller Neugier wie einen Fremden. Warum hatte ein erstklassiger Meuchelmörder sich dazu herabgelassen, den Handlanger für einen heruntergekommenen Adelsspross wie ihn zu spielen? Magnus hatte es von Anfang an nicht begriffen und sein Misstrauen erst nach einer Weile ablegen können. Ji Hang war loyal bis ins Mark seiner Knochen. Warum?

Der Chinese sah fremd aus, und Magnus erkannte erst nach einigen Augenblicken, woran das lag. Hang trug sein Haar nicht wie sonst straff zurückgeflochten, sondern zu einem lockeren Knoten am Hinterkopf geschlungen, von dem sich Strähnen auf seine Schultern herabkringelten. Er hatte sein Jackett abgelegt, saß in Weste und Hemdsärmeln da.

»Hang«, sagte Magnus leise.

Der Chinese war augenblicklich auf ihn konzentriert. Keine Bewegung, außer der seines Kopfes, vollständige Aufmerksamkeit. Magnus verzog die Lippen zu einem mühsamen Lächeln. »Ich bin wohl doch noch nicht tot.«

Hang sah ihn starr und ausdruckslos an. Sein Blick war so leer wie ein wolkenbedeckter Nachthimmel. Seine Lippen verzerrten sich leicht, und bei jedem anderen Menschen hätte Magnus geglaubt, er sei den Tränen nah. Natürlich war das ein vollkommen verrückter Gedanke. Dies war Ji Hang, der weder Nerven noch Gefühlsausbrüche kannte.

»Mylord«, sagte der Chinese mit ruhiger Stimme und klappte das Buch zu. »Ich bin sehr froh, Ihre Stimme zu hören. Was kann ich für Ihre Bequemlichkeit tun?«

Magnus betrachtete ihn mit Rührung. »Bleiben Sie einfach da sitzen«, sagte er mit schwacher Stimme. »Bleiben Sie hier, lesen Sie weiter. Ich bin froh, dass Sie an meiner Seite sind.« Er schloss die Augen und atmete, was zurzeit eine Aufgabe bedeutete, auf die er sich gelegentlich konzentrieren musste, um sie zu erfüllen.

Als sein Atem wieder leichter floss, fragte er: »Warum sind Sie bei mir, Hang?«

»Wo sollte ich sonst sein, Mylord?« Hang klang überrascht.

»Nein.« Magnus hüstelte und rückte sich zurecht. »Warum sind Sie überhaupt in meine Dienste getreten?«

Hang war der Frage bisher immer ausgewichen, deshalb erwartete Magnus auch jetzt keine Antwort. Aber Hang überraschte ihn erneut. Er hob leicht die Schulter und erwiderte: »Ich habe Sie auf der Überfahrt beobachtet, Mylord. Es stand mir nicht zu, meine Aufträge zu hinterfragen, aber ich gestehe, dass ich es in Ihrem Fall getan habe. Dennoch hätte ich Ihnen in dieser Gasse das Lebenslicht gelöscht, wenn ich nicht etwas in Ihren Taschen gefunden hätte, was meine Absichten vollständig auf den Kopf gestellt hätte.« Er neigte den Kopf und befeuchtete mit der Zungenspitze seine Lippen, ein Zeichen der Unsicherheit, das so vollkommen untypisch für den beherrschten Chinesen war, dass es einem Aufschrei glich.

Magnus streckte die Hand aus und berührte Hangs Handgelenk. »Sie müssen nicht …«, sagte er und stockte. »Sie waren es«, sagte er, verblüfft darüber, dass er es jetzt erst begriff. »Sie haben mich gepflegt.« Weiche Hände, eine sanfte Stimme. Er hatte geglaubt, außer Strix hätte noch eine Unbekannte an seinem Lager ausgeharrt. Es war Hang gewesen, seine leise Stimme, seine behutsamen Berührungen. Magnus überlief ein heftiger Schauder. »Sie waren es«, wiederholte er.

Ji Hang wandte den Kopf ab. Lackschwarzes Haar löste sich aus dem nachlässig geschlungenen Knoten und umschmeichelte das aprikosenfarbene Gesicht, fiel wie ein Wasserfall aus Nacht über den Rücken. Magnus ließ Hangs Hand los und streifte mit den Fingern durch die dunkle Pracht. Seidenweich und schwer glitten die Flechten durch seine Finger, er ließ sie durch seine Hand laufen und genoss das Streicheln auf seiner Haut.

Mühsam riss er sich von Gedanken und Gefühlen los, die alles andere als ziemlich waren, zog seine Hand zurück und fragte: »Was, bei George, habe ich denn so Kostbares und Merkwürdiges bei mir gehabt, dass es Sie vom Pfad der Pflicht ablenken konnte, Hang?«

Der Butler griff wortlos in seine Westentasche und zog eine silberne Anstecknadel hervor, die er Magnus reichte. Magnus drehte sie verständnislos in den Fingern.

»Das ist ein Abzeichen der Konstantin-Bruderschaft«, sagte er stirnrunzelnd. »Ich bin Mitglied dort, aber …«

»Die Brüder haben mir als Kind einmal das Leben gerettet«, sagte Hang leise und beinahe verschämt. »Ich hätte mein Gesicht verloren, wenn ich dann einem Konstantin-Bruder zum Dank sein Leben genommen hätte.«

Magnus umschloss die Nadel mit der Faust und zwang sich, nicht zu lachen. Was für eine Farce, was für ein grandioser Zufall! Er war als Student Mitglied der Bruderschaft geworden, um seinen Vater damit zu ärgern. Wohltätigkeit, Bescheidenheit und Schweigsamkeit – alles keine Tugenden, die den alten Herzog in irgendeiner Weise beeindrucken konnten. Da der Duke of Somerset ohnehin fest entschlossen gewesen war, von seinem jüngsten Sohn enttäuscht zu sein, hatte Magnus jede Gelegenheit genutzt, seinem Vater neuen Stoff für diese Enttäuschung zu liefern. Ein ausschweifender Lebenswandel hatte die nötige Grundlage gelegt, alles andere kam mosaiksteinchengleich nach und nach hinzu. Die Bruderschaft hatte im Gesamtbild ein eher unbedeutendes Element dargestellt. Was für eine Ironie, dass dieses marginale Detail ihm schließlich sogar das Leben gerettet hatte.

Er musterte Ji Hang, um festzustellen, ob sein Butler die unangemessene Liebkosung befremdlich gefunden hatte, aber Hang lächelte schwach. »Haben Sie Hunger oder Durst, Sir?«

Magnus ließ sich ein Glas Wasser einflößen und schlief wieder ein.

 

Er tauchte mitten in der Nacht aus einem Albtraum auf, der ihn schweißgebadet und zittrig zurückließ. Im Zimmer brannte nur ein schwaches Licht irgendwo an der Tür. Schemenhaft sah Magnus eine Gestalt in dem Sessel gegenüber. Sie saß reglos, wahrscheinlich schlief sie. Er wollte niemanden wecken, ganz gleich, wer es war, der ihn behütete, und tastete nach dem Wasserglas auf dem Nachttisch. Es klirrte gegen die Karaffe und der Schläfer schrak hoch.

»Alles in Ordnung?«, hörte er Strix murmeln. Sie gähnte, warf die Decke beiseite, die über ihre Knie gebreitet lag, und kam zu ihm.

Nachdem sie ihm zu trinken gegeben und sein Kissen aufgeschüttelt hatte und er wieder gut und bequem lag, bat er leise: »Bleib einen Moment an meiner Seite, bitte. Ich habe Angst davor, wieder einzuschlafen.«

Sie setzte sich auf die Bettkante und nahm seine Hand. »Schlechte Träume?«

Er nickte und kämpfte mit seinem widerborstigen Atem. »Ertrinken, ersticken, tote Freunde«, sagte er matt.

Sie streichelte seine Hand. »Was sollte diese Maschine für dich tun?«

Er schauderte. »Du hattest mich davor gewarnt, sie zu aktivieren«, sagte er. »Warum? Was hast du gesehen?«

Sie schwieg. Dann seufzte sie und sagte: »Großes Leid und eine Gefahr für die ganze Welt. Diese Maschine hätte nicht gebaut werden dürfen.«

Er lachte keuchend. »Sie ist eine Fehlkonstruktion«, sagte er und hustete. »Rasul hat ohne mein Wissen die Pläne sabotiert. Sie wird in dieser Form niemandem nützen. Ich hoffe nur, Paulina nimmt sie auseinander und vergisst, was sie gebaut hat.«

»Ein kluger Mann, dein Rasul.« Strix regte sich unbehaglich. »Lina ist verschwunden. Mit der Maschine, mit den Plänen.«

Sein Griff um ihre Hand verkrampfte sich vor Schock. Sie keuchte, zog ihre Finger aber nicht aus seiner Umklammerung. Er lockerte den Griff und sagte: »Seit wann ist sie weg? Gibt es Anzeichen einer Entführung?«

Strix’ Brillengläser schimmerten in der Dunkelheit, als sie den Kopf bewegte. »Sie scheint freiwillig untergetaucht zu sein«, sagte sie. »Ich bin allerdings nicht sicher, ob jemand hinter ihr her ist. Es gab keine Anzeichen für fremde Einwirkung. Ihr Haus war so ordentlich oder unordentlich wie immer, sie scheint ein paar persönliche Sachen mitgenommen zu haben, ihr Nachbar hat die Aufgabe, ein Auge auf ihr Zeug zu halten.«

Magnus fluchte leise. »Ich muss …«, sagte er und machte Anstalten, aus dem Bett zu steigen.

Strix drückte ihn zurück in sein Kissen, ohne sich dafür groß anstrengen zu müssen. »Wir suchen schon nach ihr«, sagte sie. »Hang ist seit Tagen unterwegs, Hennes ebenfalls, ich habe auch ein paar Freunde mobilisiert. Wenn es eine Spur gibt, werden wir sie finden.«

Magnus keuchte und spuckte Kristallschaum in ein Tuch, das sie ihm hinhielt. »Wie lange werde ich hier noch liegen müssen?«, fragte er atemlos.

Strix zuckte die Achseln. »Es gibt keine Parameter«, sagte sie resigniert. »Du lebst, das ist mehr, als wir für die meisten erreicht haben.«

 

Magnus Auge Kapitel

 

CC by-nc-nd Susanne Gerdom

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Teil zwei aus der Reihe um Magnus: Das Chinesische Mysterium.

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