Dez 062014
 

Magnus_01_smWer in die Wüste geht und wiederkehrt, ist nicht mehr derselbe

Nach einer untätig verbrachten Woche war Magnus so gereizt und unruhig, dass weder Strix noch Ji Hang es schafften, ihn noch länger an sein Krankenlager zu fesseln. Strix hatte zwar damit gedroht, das wortwörtlich zu tun, wenn er nicht so vernünftig war, einzusehen, dass er noch nicht wieder so weit auf den Beinen war, um draußen herumlaufen zu können, aber Magnus war stur geblieben.

Er biss die Zähne zusammen und stand hoch aufgerichtet im Zimmer, ließ sich von Ji Hang ankleiden und gab sich den Anschein, kräftig genug für eine Sparringrunde in Jakobs Boxring zu sein. Dass ihm dabei vor Entkräftung die Beine zitterten, versuchte er zu ignorieren.

Pater van Dongeren blickte ins Zimmer, als Ji Hang Magnus in seinen Rock half. Der Pater lächelte besorgt. »Sie kommen noch kurz in mein Arbeitszimmer, ehe Sie uns verlassen, Lord Magnus?«

Magnus nickte, zu matt, um das Lächeln zu erwidern.

Der Pater bot ihm Tee an und beide genossen schweigend die erste Tasse. Van Dongeren lehnte sich zurück und faltete die Hände über dem Bauch. »Es wäre besser, wenn Sie noch ein paar Tage bei uns blieben«, sagte er mit sanftem Vorwurf. »Sie sind noch nicht vollständig genesen, Lord Magnus.«

Magnus stellte seine Tasse ab und betupfte mit einem Tüchlein seine Lippen. Wie immer blieben einige ætherblaue Flecken darauf zurück, die er missmutig ignorierte. »Wie ich Strix verstanden habe, werde ich niemals vollständig geheilt werden, Pater«, sagte er schroff.

Der Pater neigte nachsichtig den Kopf. »Das ist leider wahr«, sagte er. »Ich war überzeugt, dass wir Sie verlieren würden, Mylord. Aber unser Herrgott hat offensichtlich noch Aufgaben für Sie.«

Magnus lachte trocken und legte den Kopf an die Sessellehne. »Dann sollte ich mich überraschen lassen.«

Pater van Dongeren lächelte. Er griff nach einem braunen Fläschchen, das verkorkt und versiegelt auf dem Tisch stand, und reichte es Magnus. »Damit sollten Sie über die nächsten Monate kommen. Melden Sie sich rechtzeitig, wenn es zur Neige geht.«

Magnus nickte und steckte es ein. »Warum behandelt man nicht alle Blaukranken der Stadt damit?«, fragte er neugierig.

Das runde Gesicht des Paters bewölkte sich. »Sie wissen, warum das so ist«, sagte er erstaunlich scharf. »Niemand legt Wert darauf, diese bedauernswerten Menschen von ihrem Leiden zu heilen. Es ist viel zu profitabel, sie in ihrem Zustand dahinvegetieren zu lassen.«

Leider konnte Magnus ihm nicht widersprechen. Er reichte dem Pater die Hand und drückte sie herzlich. »Wann immer Sie meine Hilfe brauchen«, sagte er, »zögern Sie nicht, sie in Anspruch zu nehmen.« Er stockte, weil er den Pater nicht beleidigen wollte, und fügte dann hinzu: »Ich werde in den nächsten Tagen meinen Butler mit einer Spende für Ihre Einrichtung vorbeischicken, wenn Ihnen das recht ist. Ich habe Ihnen schließlich auch Kosten verursacht.«

Der Pater lächelte. »Dafür sind wir immer dankbar, Mylord.«

Magnus verabschiedete sich und ging auf seinen Stock gestützt langsam zum Ausgang. Strix hatte sich heute nicht blicken lassen, wahrscheinlich war sie im Beginenhaus festgehalten worden. Sie würde bei ihrer Wiederkehr ja sehen, dass er fort war.

Ji Hang wartete neben dem Maybach. Er half Magnus in den Fond und chauffierte ihn schweigend nach Hause.

»Paulina bleibt also verschwunden«, sagte Magnus nachdenklich, als Hang die Wohnungstür aufschloss.

»Es sieht so aus, Sir.« Hang half ihm aus dem Mantel und nahm ihm den Hut ab. »Ich war so frei, eine Belohnung für Hinweise auszusetzen, aber bisher ist nichts Brauchbares zutage gekommen.« Er runzelte leicht die Stirn. »Einer meiner Informanten glaubte zu wissen, dass die Magistra sich in den Abyssus zurückgezogen hat.«

Magnus schauderte. »Wenn sie dort untergetaucht sein sollte, stöbert sie so schnell niemand mehr auf.« Der Abyssus war so etwas wie die Terra incognita der Unterwelt. Wer dorthin flüchtete, war sicher vor dem Zugriff der Obrigkeit, aber dafür den düsteren Bewohnern dieser Gefilde ausgeliefert. Die Gerüchte, die über diese verlorene Welt der Tiefe kursierte, waren viel zu schreckerregend, um der Realität entsprechen zu können, aber wenn ein Körnchen Wahrheit in ihnen ruhte, dann war es zwecklos, dort unten nach jemandem suchen zu wollen. Zumindest, wenn man an seinem Leben und seiner geistigen Unversehrtheit hing.

»Was hat sie nur vor?«, fragte sich Magnus halblaut.

Ji Hang schüttelte wortlos den Kopf. Er hängte den Mantel auf. »Ich muss noch etwas für das Abendessen besorgen, Sir«, sagte er. »Wenn ich Sie für ein paar Minuten allein lassen dürfte …?« Er griff nach dem Korb, der neben der Eingangstür wartete, und verließ die Wohnung.

Magnus öffnete die Tür zu seinem Arbeitszimmer. Er wollte als Erstes seine Post durchsehen und sich einen Überblick darüber verschaffen, welche Ereignisse in den letzten Tagen an ihm vorübergegangen waren. Lidgate hatte sich wahrscheinlich mit dem Baron getroffen …

Er verharrte an der Tür, die Hand noch am Türgriff. Die Vorhänge waren dicht vorgezogen, es war dunkel und er konnte keine Einzelheiten erkennen, aber sein Instinkt warnte ihn: Jemand war im Zimmer. Er öffnete den Mund, um nach Ji Hang zu rufen, als ein Feuerzeug aufleuchtete und für einen winzigen Moment ein Gesicht aus der Dunkelheit riss, ehe die Flamme wieder erlosch und tanzende Nachbilder auf seiner Netzhaut hinterließ.

Er stieß den Atem aus und schloss die Tür hinter sich. »Hältst du eine Waffe auf mich gerichtet?«, fragte er ruhig.

»Sollte ich das?« Lidgate klang müde, so müde, wie Magnus sich fühlte.

»Ich weiß es nicht. Sag du es mir.« Magnus tastete nach dem Lichtschalter, und die Teslalampe an der Decke glühte hell auf. Ihr kaltes Licht verlieh dem Schnurrbart des Colonels einen eisgrauen Schimmer. Lidgate hatte tiefe Schatten unter den Augen, er sah aus, als hätte er einige Nächte nicht geschlafen. Er sah Magnus ausdruckslos an. »Wo hast du gesteckt?«, fragte er.

Magnus knurrte leise und erwiderte den bohrenden Blick gereizt. »Ich war geschäftlich unterwegs«, sagte er knapp. »Tut mir leid, ich konnte dich nicht mehr benachrichtigen, die Angelegenheit war … spontan und dringlich.«

Lidgate stieß ein trockenes Lachen aus. »Eine Sauftour?«, fragte er bissig.

Magnus lehnte seinen Stock an den Sessel und knöpfte seinen Rock auf. »Das geht dich, mit Verlaub, nichts an.«

Lidgate beugte sich vor und reckte grimmig das Kinn. »Du irrst dich«, sagte er leise und scharf. »Du bist nicht offiziell aus dem Dienst ausgeschieden. Ich kann dich als Deserteur vor ein Kriegsgericht bringen. Ich könnte auch überlegen, dich gleich des Hochverrates anklagen zu lassen. Willst du in Fort Leavenworth verschimmeln? Ich könnte das leicht arrangieren, Captain.«

Magnus biss die Zähne zusammen. »Warum fährst du jetzt plötzlich große Geschütze auf? Erzähl mir nicht, dass General Henderson nicht die ganze Zeit bestens darüber informiert gewesen ist, wo ich mich gerade aufhalte.«

Lidgate lächelte humorlos. »Du warst ungefähr ein halbes Jahr wirklich von der Bildfläche verschwunden«, sagte er und zündete sich eine Zigarette an. »Wir dachten, die verdammten Türken hätten dich auch kaltgemacht.« Er paffte zwei Rauchringe zur Decke und entfernte einen Tabakkrümel von seiner Lippe. »Aber dann bist du wieder auf unserem Radar aufgetaucht, wie Phönix aus der Asche. Allein. Ohne die Pläne, wie es aussah.« Er sah Magnus durch den aufsteigenden Rauch reglos an. »Seitdem versuchen wir herauszufinden, ob du ein Verräter bist, ein Deserteur oder bloß ein Dieb und Verbrecher.« Er verzog den Mund zu einer angewiderten Grimasse. »Erspare uns langwierige Verhöre, Magnus. Ich bin dein Beichtvater. Wenn du uns die Pläne bringst, darf ich dir Absolution erteilen.«

»Ich habe euch die Liste und Rysakow geliefert«, sagte Magnus gepresst. »Das ist alles, was ich tun kann. Ich habe die Pläne nicht.«

Lidgate beugte sich vor. Seine Augen waren reptilienhaft kalt und ausdruckslos. »Nicht mehr. Wem hast du sie verkauft?«

»Niemanden.« Magnus fuhr sich mit der Hand durchs Haar und achtete darauf, nicht zu tief einzuatmen. Seit er den Raum betreten hatte, wurde das Kratzen in seiner Kehle zunehmend unangenehmer. Ein Hustenanfall war das Letzte, was er brauchen konnte. »Ich habe sie einfach nicht mehr. Owen, die Pläne waren nutzlos. At-Tabari hat sie unbrauchbar gemacht, bevor sie dem Sultan in die Hände fallen konnten. Was auch immer diese Apparatur hätte bewerkstelligen können – Rasul hat ihr Geheimnis mit in den Tod genommen.«

Lidgate sah ihn nachdenklich an. »Wieviel hat man dir dafür gegeben?«

Magnus wollte zu einer heftigen Erwiderung auffahren, aber ein Hustenkrampf unterbrach ihn. Er krümmte sich und fischte hilflos ein Tuch aus der Tasche, das er sich vor den Mund presste.

Der Krampf packte und schüttelte ihn wie ein Terrier eine Ratte. Er rang nach Luft, während der blaue Schaum ihm aus Mund und Nase quoll und seine Sicht verschleierte. Der Anfall ließ nach, er spuckte aus, was er in der Kehle hatte und richtete sich mühsam auf. Sein Blickfeld war bläulich verfärbt und er blinzelte heftig, um es zu klären.

Lidgate hatte sich halb aus dem Sessel erhoben und starrte Magnus mit weit aufgerissenen Augen an. »Bei George«, sagte er erstickt, »was, zum Teufel, ist das?«

Magnus war sich halbwegs darüber im Klaren, welchen Anblick er bot. Lippen, Kinn, seine Hände und sein Kragen waren blutig verschmiert und schimmerten ætherblau, das konnte er sogar durch den Schleier vor seinen Augen erkennen.

Lidgate starrte ihn immer noch an. »Deine Augen«, sagte er und streckte die Hand mit gespreizten Fingern gegen ihn aus, eine altertümliche Geste, der Zauber abwehren sollte. »Seymour, was ist das? Bist du besessen?«

Magnus lachte und hustete, warf das beschmutzte Taschentuch in den Papierkorb und wischte sich ungeduldig mit der Hand übers Gesicht. »Ich brauche einen Schluck Tee«, sagte er kurzatmig. »Mein Butler ist aber leider nicht da, deswegen werde ich das selbst erledigen müssen. Ich würde vorher aber gerne ins Bad gehen und mich säubern.« Er kam mühsam auf die Füße. »Meinetwegen kannst du mitkommen und aufpassen, dass ich dir nicht davonlaufe. Obwohl ich dir versichern kann, dass eine schnellere Fortbewegung zu Fuß mir momentan nicht zur Verfügung steht.«

Lidgate gab ihm einen Wink mit dem Kopf. Seine Lippen waren zusammengepresst. »Ich nehme das als Ehrenwort, dass du nicht versuchst, dich abzusetzen, Seymour.«

»Das kann ich dir leichten Herzens geben, Lidgate.«

Magnus humpelte ins Bad und wusch sein Gesicht mit kaltem Wasser. Es belebte seine benebelten Sinne, vertrieb aber nicht den blauen Dunst, der seinen Blick verschleierte. Er beugte sich vor und inspizierte seine Augen. Das Weiße darin schimmerte in einem bläulichen Glanz. Magnus blinzelte mehrmals, spülte seine Augen mit Wasser, aber der Glanz blieb.

Er trocknete sich ab, ging zur Garderobe, holte den Webley aus seiner Manteltasche und kehrte dann ins Arbeitszimmer zurück. »Tee, Owen?«

Lidgate saß mit auf die Brust gesenktem Kinn da und betrachtete seine Hände. Er blickte nicht auf. »Ja, gerne.«

Magnus wartete neben dem Wasserkessel und dachte nach. Er steckte in der Klemme, das war ihm bewusst. Lidgate war ein guter Freund, nur deshalb war Magnus noch nicht in Handfesseln auf dem Luftweg unterwegs nach New London. Aber nur aus Freundschaft konnte Owen ihn nicht laufen lassen. General Henderson wurde sicherlich unter Druck gesetzt, diese Pläne beizubringen, in die das Empire eine ungeheure Summe investiert hatte – abgesehen von all den Männern, die gestorben waren, um die Pläne und den Entwickler der Maschine zu schützen und in Sicherheit zu bringen. Das war letztlich alles gescheitert. Magnus konnte sich vorstellen, dass HM vor Wut schäumte.

HM, Queen Victoria, die auf so geheimnisvolle Art und Weise ihre Jugend zurückerlangt zu haben schien. Magnus zog die Lippe zwischen die Zähne. Ob es da einen Zusammenhang gab?

Wenn Rasuls Erfindung so funktioniert hätte, wie er es Magnus erklärt hatte, dann hätte Magnus ihn aus dem Totenreich zurückholen können. Besser gesagt, er hätte eine Kopie geschaffen, eine Art Homunkel, nur dass dieser kein künstlich geschaffenes Wesen, sondern der echte Rasul at-Tabari gewesen wäre. Eine um eine Winzigkeit jüngere Ausgabe, der Rasul, wie er vor seiner Festnahme gewesen war.

Magnus biss sich so fest auf die Lippe, dass er Blut schmeckte. Es hätte funktionieren müssen. Er hatte Rasul gesehen, wie ein Phantom zwar, halb durchsichtig, nur teilweise materialisiert, aber es war Rasul gewesen und er hatte gelebt, er hatte Magnus angelacht, seine Hand gehoben …

Was war schiefgegangen? Das konnte ihm nur Paulina Rosenzweig sagen, aber die war samt den Plänen und dem Prototyp der Maschine verschwunden. Hölle und Teufel.

Er musste sie finden! Aber zuerst musste er den MI loswerden. Was konnte er Owen Lidgate anbieten, damit der ihn laufen ließ?

Magnus goss den Tee auf, stellte das Geschirr und die Kanne auf ein Tablett und kehrte ins Arbeitszimmer zurück.

Lidgate saß immer noch wie zuvor in seinem Sessel. Seine Augen sprühten vor Zorn, aber er regte sich nicht und sagte kein Wort.

Das konnte er auch nicht, denn er war gefesselt und hatte einen Knebel im Mund. Zu seinen Füßen auf dem Teppich lag eine seiner Lieblingswaffen, ein schlankes Khybermesser mit Elfenbeingriff.

Magnus entglitt das Teetablett, aber zwei schnelle, geschickte Hände hinderte es am Kippen, nahmen es ihm ab und stellten es auf den Tisch.

»Ji Hang«, sagte Magnus und ließ sich auf einen Stuhl sinken. »Sie haben …«

»Ich habe einen Teil Ihres Gespräches mitangehört, Sir.« Der Butler stand ruhig da, mit unbewegter Miene, seine Hände hingen entspannt an seinen Seiten. »Ich habe mir die Freiheit erlaubt, Ihren Gast für den Moment zu immobilisieren. So lange, bis Sie entschieden haben, was wir mit ihm machen.«

Magnus vergrub das Gesicht in den Händen. »Das war … voreilig, lieber Hang«, sagte er erstickt.

»Ich kann ihn töten und den Leichnam so verschwinden lassen, dass niemand ihn je wiederfindet«, bot Hang an. Lidgate stieß ein stöhnendes Röcheln aus und bäumte sich gegen seine Fesseln.

»Nein, um Himmels Willen.« Magnus blickte auf und sah unbehaglich zu Lidgate. »Binden Sie ihn los. Auch wenn sich das für Sie seltsam anhören mag: Lidgate ist nicht mein Feind. Er versucht, meinen Kopf zu retten.«

Die Augen des Chinesen verengten sich. Er neigte schweigend den Kopf und schritt zu dem Gefesselten, um ihn loszubinden.

Lidgate spuckte den Knebel aus und fluchte, während er sein Messer aufhob und in seinen Kleidern verschwinden ließ. Magnus sah das Lachen in den Winkeln seiner Augen und ließ die Pistole los, die er umklammert hatte. »Tee, Owen?«

Ji Hang bediente die beiden und zog sich dann zurück, um das Dinner vorzubereiten. Magnus lud Lidgate ein, zum Essen zu bleiben, aber der Colonel lehnte mit einem resignierten Knurren ab.

»Dein Butler war ein Söldner oder so etwas?«, fragte er.

Magnus schüttelte den Kopf. »Triaden«, sagte er kurz. »Lange Geschichte.«

Lidgate nickte. »Guter Mann.«

»Der Beste.«

Sie schwiegen und rauchten. Magnus kämpfte immer noch mit dem Hustenreiz, aber das Schlimmste war vorerst vorüber.

»Was machen wir?«

»Du weißt, wo die Pläne sind.« Lidgate sah ihn nicht an, er streifte Asche in den Aschenbecher, den er in der Hand hielt. Es war keine Frage.

Magnus schüttelte den Kopf. »Leider nicht. Ich bin selbst auf der Suche danach.« Es war die Wahrheit, wenn auch nur die halbe.

Lidgate kniff die Augen zusammen. »Finde sie«, sagte er knapp. »Das ist der einzige Weg, dich vor der Festnahme zu bewahren.« Er drückte seine Zigarette aus. »Du bist nur deswegen noch auf freiem Fuß, weil ich mich für dich aus dem Fenster gelehnt habe. Wenn du mich hängen lässt, kann ich mir eine Zelle neben deiner aussuchen.«

Magnus rieb sich über die Augen. »Ich habe verstanden.«

»Das hoffe ich.« Lidgate sah Magnus mit einem Ausdruck an, der gleichzeitig traurig und angewidert war. »Du hast mich übel hinters Licht geführt, Seymour. Ich weiß nicht, ob ich dir das je verzeihen kann. Aber danke, dass du Rysakow geliefert hast. Das ist als Zeichen deines guten Willens zur Kenntnis genommen worden.« Er bleckte humorlos die Zähne. »Natürlich brauche ich dich, um ihn in die Enge zu treiben. Wir besprechen das in den nächsten Tagen. Und bis dahin hoffe ich, hast du gute Neuigkeiten, was die verschwundenen Pläne betrifft.« Er stand auf und griff nach seinem Hut, der auf dem Schreibtisch lag. »Gehab dich wohl, Seymour. Und schlaf dich mal ordentlich aus, du siehst schrecklich aus.«

Magnus rauchte eine Zigarette, um sein aufgewühltes Gemüt zu beruhigen. Seine Finger spielten mit dem Laudanum-Fläschchen, das auf seinem Schreibtisch stand. Er würde es sicherlich noch brauchen, genau wie die Zigaretten. Die Schmerzen waren nicht verschwunden, auch wenn sie nur noch ein winziges Ärgernis im Meer der Sorgen waren.

Er seufzte, drückte die halbgerauchte Zigarette aus und erhob sich, um Ji Hang in der Küche Gesellschaft zu leisten. Er brauchte jemanden, mit dem er reden konnte und der ihn nicht bedrohte, unter Druck setzte oder zu ermorden versuchte.

In der Küche brodelte ein Topf mit Suppe, der Wasserkessel summte melodisch vor sich hin und Ji Hang saß in Hemdsärmeln und in seltsam starrer Haltung am Tisch. Er blickte nicht auf, als Magnus eintrat, sondern presste ein Küchentuch gegen seine Schulter.

Magnus begriff mit Verzögerung, dass das Tuch keinesfalls von Natur aus blutrot war und sah dann Ji Hangs Augen, die wie schwarze Löcher aus einem papierblassen Gesicht blickten.

Magnus stieß einen atemlosen Fluch aus und beugte sich über seinen Butler. »Hang, was zum Teufel …«, sagte er und löste das durchgeblutete Tuch von der Schulter. Die Einstichwunde war tief und blutete heftig. Magnus knurrte und riss den Schrank auf. Er drückte Hang frische Tücher in die Hand, befahl: »Legen Sie sich auf den Boden, ehe Sie mir vom Stuhl kippen«, und stürmte aus der Küche, seine eigene Schwäche vergessend.

Er durchwühlte mit atemloser Hast den Koffer, den kostbaren Koffer, den Natalja in Verwahrung gehabt hatte. In seinen Tiefen schlummerte die Ledertasche, die er einem der Leibärzte des Sultans abgenommen hatte. Der Mann hatte im Drogenrausch versucht, ihn mit seinem Skalpell zu erstechen, und die Tasche hatte Kasim ihm als kleines Schmerzensgeld für die aufgeschlitzte Hüfte geschenkt. Die Wunde hatte Magnus unter dessen Anleitung selbst nähen müssen, denn Kasims Hände hatten für diese Arbeit zu stark gezittert.

So stark wie seine eigenen noch vor wenigen Tagen. Magnus warf einen besorgten Blick auf seine Finger, aber die waren ruhig. Er riss die Decken von seinem Bett und kehrte in die Küche zurück.

Hang hockte auf dem Boden und atmete schnell und flach. Seine Lider flatterten. »Es ist nicht schlimm«, sagte er heiser. »Ich war zu langsam, es ist meine Schuld.«

»Halten Sie den Mund«, sagte Magnus. Er half Hang, sich auf eine Decke zu legen und deckte die andere über ihn. Dann wusch er sich am Spülstein die Hände und packte die Instrumente aus. Er goss eine großzügig bemessene Portion Laudanum in ein Glas und hielt sie an Hangs blasse Lippen. »Trinken«, befahl er. »Ich muss das nähen, Hang. Ich bin kein Arzt, es wird weh tun.«

Der Chinese lächelte schwach und verweigerte das Glas. »Es tut auch bei einem Arzt weh«, sagte er. »Das ist kein Problem.« Der Ärmel seines Hemdes war blutgetränkt bis zur Manschette.

»Gut, dann beißen Sie jetzt die Zähne zusammen.« Magnus nahm die Schere und begann das Hemd aufzuschneiden, dann den blutigen Ärmel. Hang zuckte vor der Schere zurück, er machte Anstalten, sich zu wehren, dann ließ er den Kopf zurücksinken, starrte zur Decke und murmelte etwas auf Mandarin. Es klang resigniert.

Magnus zerschnitt das Hemd und zog die Fetzen beiseite, um sich die Schulter anzusehen. »Das schaffe ich«, sagte er erleichtert. »Sie haben viel Blut verloren, das heißt, sie werden sich ein paar Tage von mir verwöhnen lassen müssen.« Während er sprach, sterilisierte er eine lange Nadel mit Alkohol. Er entzündete die kleine und höchst illegale Ætherlampe, die ebenfalls zu den Utensilien des Arztes gehörte, stellte sie so, dass die Wunde gut beleuchtet war und begutachtete den Stich. »Beißen Sie die Zähne zusammen«, sagte er und sah Hang prüfend ins Gesicht. Dabei streifte sein Blick über den bloßen Oberkörper des Chinesen und verharrte. Magnus öffnete den Mund, schnappte nach Luft, stieß sie wieder aus und sah Hang ins Gesicht. »Das hatte ich nicht erwartet«, sagte er und bemühte sich, nicht mehr auf die kleinen, wohlgeformten Brüste zu starren, die aus einem ehemaligen Elitekiller der Triaden und derzeitigen Butler etwas nicht auf Anhieb KKategorisierbares machten. Eine – nun, man musste es beherzt beim Namen nennen – eine Frau.

Hang sah ihn mit einem Flehen in den Augen an. »Können … wir das … nicht einfach vergessen?«, sagte sie, stoßweise atmend.

»Im Augenblick habe ich ohnedies andere Probleme«, murmelte Magnus und stach die Nadel ein. »Wie ging nochmal dieser Knoten?«

Magnus hatte es geschafft, Hang in sein, nein ihr, Bett zu bringen und danach die köchelnde Suppe vom Herd genommen. Er löffelte im Stehen in der Küche einen Napf davon, ohne zu registrieren, was er da aß. Er war todmüde und aufgedreht zugleich.

Er stellte den Napf in die Spüle und füllte einen zweiten, legte ein Stück Brot dazu und trug beides über den Flur. Er öffnete die Tür mit dem Ellbogen und stellte die Suppe auf den Hocker neben Hangs Bett.

Die Kammer war klein, spartanisch eingerichtet und penibel aufgeräumt. Zu klein, fand Magnus und sah sich unbehaglich um. Er hatte nie darüber nachgedacht, dass dies alles war, was Hang an Raum zur Verfügung hatte. »Sobald Sie wieder auf den Beinen sind, ziehen Sie hier aus«, sagte er.

Hang drehte mit einer matten Bewegung den Kopf und sah ihn an. Ihr Blick war so verletzt, dass es Magnus einen Stich gab. »Nun schauen Sie nicht so waidwund«, sagte er und räusperte sich verlegen. »Hier, essen Sie etwas. Ihre Suppe ist vorzüglich. Sie brauchen Flüssigkeit und Nahrung, Mann.« Er räusperte sich wieder. »Entschuldigen Sie. Ich wollte sagen …«

Hang richtete sich mühsam auf. Ihr Haar fiel offen und schwer über ihre Schultern und schimmerte lackschwarz auf dem weißen Verband. »Ich gehe sofort, wenn Sie das wünschen, Sir«, sagte sie leise. Sie machte keine Anstalten, nach dem Napf zu greifen.

Magnus runzelte die Stirn. »Was? Wohin wollen Sie gehen?«

Sie starrten sich an. Dann rekapitulierte Magnus die Unterhaltung der letzten Minute und schlug sich vor die Stirn. »Hang, nein, das haben Sie missverstanden. Ich will, dass Sie in ein größeres Zimmer ziehen. Der Salon auf der Hofseite, den nutzen wir doch so gut wie nie.« Er beugte sich vor und reichte seinem Butler den Napf. »Essen Sie, ehe es ganz kalt ist.« Er legte den Kopf auf die Seite und unterdrückte ein Gähnen. »Sie haben mich ganz schön an der Nase herumgeführt, ich bin beeindruckt.« Er grinste. »Und mehr als das. Sie waren das, in der einen Nacht …«

Hang hob den Napf an die Lippen und wich seinem Blick aus. »Ich bitte dafür um Vergebung. Es erschien mir die einfachste Methode, die bösen Träume zu verjagen.«

Magnus wurde ernst. »Sie sind das Beste, was mir in den letzten Jahren begegnet ist, Ji Hang«, sagte er sanft. »Was auch immer Ihre Gründe sein mögen, sich als Mann auszugeben, ich respektiere sie. Und ich schätze Sie und Ihre Fähigkeiten deswegen keineswegs geringer, ganz im Gegenteil.«

Hang hob den Kopf. »Sie behalten mich in Ihren Diensten?«

Magnus hob die Brauen. »Ich wäre doch wohl ein Idiot, wenn ich das nicht täte.« Er lächelte breit. »Linus St. Maur bekommt Sie nur über meine Leiche.«

Magnus Auge Kapitel

CC by-nc-nd Susanne Gerdom

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Teil zwei aus der Reihe um Magnus: Das Chinesische Mysterium.

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