Dez 142014
 
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Susanne Gerdom Magnus 1 Der Blaue TodAdler jagen keine Fliegen

 

Ji Hang war in einen leichten, unruhigen Schlaf gefallen. Magnus saß an ihrem Bett und dachte über Lidgates Ultimatum nach. Er hatte es geschafft, endgültig ein schreckliches Chaos aus seinem Leben zu machen, das schon früher alles andere als wohlgeordnet gewesen war.

Er seufzte und streckte die Beine aus. Den zu Tode gelangweilten jungen Mann, der er einmal gewesen war, konnte er nur mit milder Belustigung und leisem Befremden betrachten. Er hatte den Nervenkitzel gesucht und er hatte seinen Vater schockieren wollen. Zumindest das war ihm in ausreichendem Maße gelungen.

Er hob den Kopf und sah Ji Hangs Blick auf sich gerichtet. Ihre Augen waren verschleiert. »Erzählen Sie mir«, wisperte sie. »Ich habe gehört … Ihr Gespräch mit dem Colonel.«

Magnus nickte nachdenklich. »Trinken Sie etwas, Hang.« Er beugte sich zu ihr und hielt ihr das Glas an die Lippen. Sie trank und legte sich zurück.

»Colonel Lidgate ist einer meiner ältesten Freunde«, sagte Magnus. Er tastete über die Taschen seines Rocks, suchte nach Zigaretten und schüttelte den Kopf. Nicht hier, nicht jetzt. »Er hat mich unter seine Fittiche genommen, als ich ein junger, gelangweilter Idiot war, der nicht wusste, was er mit seinem Leben anfangen sollte, und hat mir eine Aufgabe gegeben.«

Hang leckte sich über die Lippen. »Rekrutiert«, sagte sie.

Magnus nickte und verzog angewidert den Mund. »Es war ein großer Spaß«, sagte er bitter. »Aufregung. Ein Leben auf dem Drahtseil. Ich habe die Welt gesehen, ich hatte die offizielle Erlaubnis zu lügen, zu betrügen, zu stehlen, zu morden und jeden Tag meinen Kopf zu riskieren. Alles im Namen des Empires.« Er lachte kurz und böse. »Junge Idioten wie mich rekrutiert die MI13 besonders gerne. Ich war perfekt – ein jüngerer Sohn, den sein Vater wegen seines Lebenswandels an der kurzen Leine hielt.« Er rieb sich die Augen. »Ich wollte es ihm heimzahlen.«

Hang drehte sich auf die Seite und streckte die Hand nach ihm aus. »Ähnlich«, sagte sie mühsam. »Ich bin in Boston geboren. Ich hätte Dienstmädchen oder Hure werden können … oder mich von der Tong anwerben lassen.« Sie schnaubte. »Raten Sie.«

Magnus grinste. »Das mit der Hure hab ich auch schon hinter mir. Bin mit sechzehn von zu Hause ausgerissen und hab mich nach New London durchgeschlagen. Ein Zuhälter hat mich aufgesammelt und mir Wohnung und Essen gegeben.« Er zuckte mit den Schultern. »Dann hatte ich das Glück, dass ein alter Mann einen neuen Gehilfen für seine Betrügereien brauchte und mich freigekauft hat, weil er das Potenzial in mir witterte.«

Hang lächelte mit den Augen. »Hennes.«

»Ja, es gibt Parallelen.« Er musterte Hang beunruhigt. Der Glanz in ihren Augen, die leichte Röte ihrer Wangen … Magnus berührte ihre Wange mit dem Handrücken und stieß einen besorgten Pfiff aus. »Sie haben Fieber«, sagte er. »Ich hole besser einen Arzt.«

Hangs Hand schoss vor und schloss sich wie eine Eisenschelle um sein Handgelenk. »Kein Arzt«, sagte sie scharf. »Das geht vorüber. Ich muss schlafen.«

Magnus runzelte die Stirn. »Was haben Sie gegen Ärzte?«

Hang lag mit geschlossenen Augen da, auf ihren Schläfen perlte der Schweiß. Sie schüttelte den Kopf. »Ärzte bringen Leute schneller um als ich das kann«, flüsterte sie.

 

Die Nacht schritt mit leisen Füßen voran. Der erste graue Schimmer des Morgens kroch durch das kleine Fenster und Magnus, erschöpft bis auf die Knochen, befühlte zum tausendsten Mal Ji Hangs glühendes Gesicht. Sie lag seit einer Stunde in einem Zustand, der eher einer Bewusstlosigkeit als echtem Schlaf glich. Magnus kaute auf seiner Lippe herum. Er wollte sie nicht alleinlassen, aber es musste ein Arzt her, ganz gleich, was sie darüber dachte. Er wollte sie nicht verlieren, nicht wegen einer albernen Messerwunde, die sich hätte vermeiden lassen, wenn Ji Hang nicht versucht hätte, ihn zu schützen.

Magnus stand auf und streckte sich. Hennes musste sofort laufen und Strix holen, wenn er kam. Sie hatte Fähigkeiten, die der einer Heilerin glichen. Vielleicht war das die Lösung für dieses Dilemma. Magnus ärgerte sich, nicht eher darauf gekommen zu sein.

Er brauchte eine starke Tasse Kaffee und eine Opiumzigarette, dann würde er den Tag in Angriff nehmen können.

 

Seine Hand berührte die Türklinke, die ihm im gleichen Moment aus den Fingern gerissen wurde. Die Tür knallte gegen die Wand und zwei kräftige Fäuste pressten Magnus an die Tür. Er schnappte nach Luft, riss das Knie in einem Abwehrstoß hoch und senkte den Kopf, um ihn in den Leib des Angreifers zu rennen, aber schon warf sich ein zweiter Mann auf ihn und rang ihn nieder. »Hab ihn, Sir«, keuchte der Mann.

Magnus gab seine Gegenwehr auf und betrachtete die Eindringlinge. Sie trugen schwarze Kleidung, mit Leder verstärkt, Lederkappen und, wie er mit einem plötzlichen Schaudern feststellte, Modifikationen. Der Mann, der ihn hielt, tat das mit einem schraubstockähnlichen Griff, der unmöglich von Fleisch und Blut ausgeführt werden konnte, und der erste, den er »Sir« tituliert hatte, sah Magnus aus blinkenden Linsen an. Transhumane. Wahrscheinlich Luftschiffer.

Magnus registrierte, dass noch mehr Dunkelgekleidete durch seine Wohnung stapften, aus seinem Arbeitszimmer erklang das Rumpeln, mit dem ein Möbelstück verschoben wurde, aus dem Salon das Klirren von Glas. Die Eindringlinge schienen die Wohnung zu durchsuchen, und das nicht sonderlich zartfühlend.

»Was wollen Sie?«, fragte er. »Warum brechen Sie hier ein und …«

Der Mann ignorierte ihn. »Halt ihn fest, Snotty«, sagte er und wandte sich zum Eingang von Hangs Kammer.

Snotty. Die Bezeichnung eines Offiziers für einen Midshipman. Magnus wehrte sich gegen den eisenharten Griff und rief: »Sir, Sie übertreten Ihre Befugnisse. Dies ist die Wohnung eines Lords Ihrer Majestät. Ihr Eindringen ist inakzeptabel.«

»Halt die Schnauze«, brummte der Mid, der ihn festhielt. »Wenn der Master gefunden hat, weswegen wir hier sind, bist du uns auch gleich wieder los, Mann.«

Magnus riss an seinem Arm. Der »Master« genannte Offizier stand vor Hangs Bett und blickte auf die Fiebernde nieder.

»Wer ist das?«

»Mein Butler.« Magnus fluchte unbeherrscht. »Er ist verletzt und benötigt einen Arzt. Halten Sie mich nicht weiter auf, Sir. Ich fordere Sie auf, meine Wohnung zu verlassen.«

Der Offizier drehte sich gemächlich zu ihm und fixierte ihn mit seinen ausdruckslosen mechanischen Augen. Er gab dem Snotty einen Wink, und der hob die Faust und versetzte Magnus einen sachlichen, nichtsdestoweniger heftigen Schlag gegen die Schläfe.

»Wir können das abkürzen«, sagte der Offizier. »Sie sagen uns, wo Sie die Pläne verstecken und wir ziehen ab.« Er lächelte humorlos. »Außerdem wüssten wir gerne, wo sich Magistra Rosenzweig zur Zeit aufhält.«

Magnus schüttelte benommen den Kopf. »Ich …«, begann er, aber der Offizier hob die Hand und schnitt ihm das Wort ab. »Sie waren zwei Wochen untergetaucht, Seymour. Dann kehren Sie zurück und ein Colonel des Geheimdienstes sucht sie auf und zieht ohne Sie wieder ab. Was hat er von Ihnen bekommen?«

»Nichts.« Magnus und zerrte an dem unerschütterlichen Griff seines Bewachers. »Ich spiele mit dem Mann gelegentlich Karten, kenne ihn nicht näher. Ich dachte, er handelt mit Diamanten.«

Der Offizier trat vor und verpasste ihm einen ebenso sachlichen Faustschlag in die Magengrube. »Kooperieren Sie?«, fragte er.

»Gehen Sie zum Teufel.« Magnus hätte sich gerne gekrümmt, aber der Snotty hielt ihn aufrecht.

»Nichts zu finden, Sir«, meldete eine Männerstimme hinter ihnen.

Der Offizier nickte gleichgültig und wandte sich ab. »Nehmt sie mit.«

»Halt!« Magnus gelang es, seinen Arm aus dem Griff des Midshipmans zu reißen. »Lassen Sie meinen Butler in Ruhe. Er weiß nichts und er ist nicht transportfähig. Lassen Sie mich einen Arzt rufen, dann folge ich Ihnen ohne Widerstand.« Der MI13 würde ihn kaum der Flotte überlassen, es war also nur eine vorübergehende Unbequemlichkeit.

Der Offizier dachte nach, dann schüttelte er den Kopf. »Sie kommen beide mit.«

Magnus warf sich nach vorne und riss den Mid von den Füßen. »Sie werden meinen kranken Butler nicht halbnackt über die Straße zerren«, knurrte er.

»Ziehen Sie ihn meinetwegen an.« Der Mann wandte sich gleichgültig ab und ging ins Arbeitszimmer, aus dem immer noch Geräusche der Zerstörung drangen.

Der Mid ließ Magnus los und postierte sich mit verschränkten Armen vor der Tür. Magnus biss die Zähne zusammen und suchte ein Hemd, Weste und Hose für Hang aus dem Schrank.

Es war ein Kampf, sie in die Kleider zu stecken, den Magnus nur deshalb bewältigen konnte, weil Hang erwachte und ihm helfen konnte. Ihr Kopf schwankte auf dem Hals, aber sie kämpfte darum, bei Bewusstsein zu bleiben, während Magnus sie flüsternd auf den Stand der Ereignisse brachte.

Er knöpfte ihre Weste zu und legte dann impulsiv seine Arme um sie. »Ich versuche Sie aus der Schusslinie zu halten«, flüsterte er ihr ins Ohr. »Sie brauchen einen Arzt und jedes Flottenluftschiff hat zumindest einen Feldscher an Bord.«

Hang nickte schwach und schlang ihren Arm um seine Schulter, damit er ihr aufhelfen konnte.

Magnus half ihr zur Tür und fauchte den Mid an: »Stehen Sie nicht so nutzlos herum, Mann. Sagen Sie Ihrem Kommandanten, dass wir jetzt sofort aufbrechen müssen, mein Butler benötigt ärztliche Hilfe.« Er drängte sich an dem Matrosen vorbei und schleppte Hang zur Wohnungstür. Dort setzte er sie vorsichtig in einen Sessel und kehrte um.

In seinem Arbeitszimmer herrschte heilloses Chaos. Der Offizier stand neben einem seiner Männer, der sich durch einen Wust von Papieren blätterte, und wandte Magnus den Rücken zu. Magnus durchforstete das Durcheinander mit seinen Blicken und fand die beiden Fläschchen unberührt auf seinem Schreibtisch. Er nahm sie und wollte sie einstecken, als der Offizier sich umdrehte und die Hand ausstreckte. »Was haben Sie da?«

Magnus bleckte erschöpft die Zähne. »Laudanum für meinen Butler«, sagte er und hob das Fläschchen. »Medizin, die ich nehmen muss. Wenn Sie mir die verweigern, werden Sie nicht viel Freude an mir haben.«

Der Offizier schnippte mit den Fingern und ließ sich beide Fläschchen reichen. Er öffnete das erste, schnupperte daran und nickte, ehe er es Magnus zurückgab. An dem zweiten roch er mit nachdenklicher Miene, bevor er einen Tropfen davon kostete und das Gesicht verzog. Er verkorkte es und warf es Magnus zu. »Sonst noch etwas?«

Magnus hob die Schultern. »Mein Stock und meinen Webley«, sagte er ironisch.

Der Offizier lachte und ließ sich von einem seiner Männer den Stock reichen. Er drehte am Knauf, probierte, ob er sich lockern ließ und womöglich eine Waffe verbarg, und gab ihn dann an Magnus weiter. »Gehen wir.«

 

Vor der Tür wartete eine Limousine, dicht dahinter parkte ein Mannschaftswagen. Magnus half Hang in den Fond der Limousine und stieg ein. Der Offizier nahm vorne neben dem Fahrer Platz.

»Darf ich erfahren, in wessen Gewahrsam wir uns begeben?«, fragte Magnus. Er hatte auf diese Frage bisher keine Antwort bekommen und rechnete auch jetzt nicht damit. Der Offizier ignorierte ihn wie erwartet. Magnus vergeudete keine Energie darauf, mit sich zu hadern. An jedem anderen Tag hätte er die Flucht gewagt, aber nicht heute. Hang schwer verletzt und fiebernd, er selbst noch kaum genesen – er käme nicht weit.

 

Sie fuhren durch die Morgendämmerung nach Norden. Magnus hörte auf, aus dem Fenster zu starren, und legte den Kopf an die Polster der Rückenlehne. Er zog Hang eng an sich, um die Stöße und das Holpern des Wagens abzumildern, und sank in einen leichten, unruhigen Schlummer.

Der Wagen rumpelte über einen unbefestigten Weg und bog auf einen mit Schlaglöchern übersäten Platz ein. Magnus richtete sich auf und erblickte einen Luftschiffmast, an dem ein schwarzes Schiff vertäut war. Als ihr Wagen darauf zuhielt, wurde von der anderen Seite der dampfbetriebene Aufzug herangerollt.

Magnus schluckte die Beklemmung hinunter, die der Anblick des Schiffes ihm verursachte. Es war unbeschriftet und nicht beflaggt, also entweder in geheimer Mission unterwegs oder – ein Gedanke, der ihn zutiefst erschreckte – es gehört keiner staatlichen Flotte an.

Der Offizier wandte sich halb zu ihm um. Magnus fing den spöttischen Blick auf, mit dem der Mann ihn und Hang musterte. »Wir sind da«, sagte der Offizier, und im gleichen Moment hielt der Wagen neben dem Aufzug an.

Magnus ignorierte den geöffneten Wagenschlag und fixierte den Offizier. »Wer ist Ihr Kapitän und zu welcher Flotte gehört das Schiff, auf das Sie uns bringen wollen?«

Der Offizier hob eine Braue, was seine implantierten Linsen zucken ließ. »Das ist die ›Honour‹, Schwesterschiff der ›Pride‹, zu der wir sie bringen werden, wenn Sie sich endlich dazu entschließen könnten, an Bord zu gehen. Captain Grenville erwartet Sie bereits.«

Magnus verharrte. »Welche Flotte?«, insistierte er.

Der Offizier stieg aus und gab den Midshipmen, die aus dem Transporter gestiegen waren, einen Wink.

Zwei von ihnen flankierten den offenen Wagenschlag, sichtlich bereit, Magnus aus dem Inneren zu zerren. Er kapitulierte mit einer Handbewegung und stieg aus. »Matelots«, blaffte er in einem scharfen Kommandoton, der die Männer beinahe dazu gebracht hätte, zu salutieren. »Mein Mann ist verletzt und fiebert. Er muss sofort zum Bordarzt.«

»Aye, Sir«, sagte der größere der beiden Matrosen, offenbar ein schottischer Hüne, der in Magnus unfehlbar den Offizier erkannt hatte. Er wies den kleineren Mid an, Magnus zu eskortieren und lud sich so vorsichtig wie möglich Hang auf die Arme.

Magnus hinkte neben den beiden her. »Wie ist Ihr Name, Midshipman?«

»McDonnall, Sir.«

Magnus nickte knapp. »Captain Seymour«, sagte er. »Bringen Sie mich zum Kommandanten Ihres Schiffs.«

»Das ist unsere Order, Capt’n.« Der rothaarige Riese schien die kleine Chinesin in seinen Armen kaum zu bemerken, aber er trug Hang mit der Behutsamkeit einer Mutter, die ihren Säugling transportiert.

 

Sie betraten den Lift und Magnus hörte das Zischen der dampfmagisch betriebenen Stempel, die die Aufzugskabine in die Höhe drückten. Die Kabine zitterte und ächzte, rumpelte und hielt an. Das Scherengitter, das den Einstieg in die Luftschiffkabine verschloss, wurde von einem Matelot beiseite gekurbelt, der zackig salutierte, als Magnus das Deck betrat. »Sir, Captain Grenville erwartet Sie.«

Magnus nickte matt. »Führen Sie mich zu ihm.« Er warf dem schottischen Matrosen und seiner fiebernden Last einen letzten Blick zu und folgte dann dem Luftschiffer durch den getäfelten Gang ins Innere des Schiffes.

Auf dem Weg verfestigte sich seine Überzeugung, dass dies kein Schiff der königlichen Aeromarine war. Dies war nicht die »HMS Honour«, es war ein Handelsschiff, ein Freibeuter oder Schlimmeres.

Warum hatte der Kommandeur des Schiffes ihn entführen lassen? Woher hatte er von den Plänen erfahren, was wollte er damit?

Magnus schüttelte über sich selbst den Kopf. Die Pläne waren unschätzbar wertvoll. Der Captain konnte sie an die Nation verkaufen, die ihm am meisten dafür bot, und sich danach zur Ruhe setzen.

Der Matelot hielt vor einer Tür und klopfte an. »Capt’n, Ihr Gast.« Er öffnete die Tür und ließ Magnus eintreten, salutierte und schloss die Tür hinter Magnus.

Der ältere Offizier, der hinter dem Schreibtisch saß, blickte nicht auf. »Nehmen Sie Platz, Lord Magnus«, sagte er und wies beiläufig auf einen geschnitzten Lehnstuhl. »Ich bin sofort für Sie da.« Er betätigte einen Knopf an dem mit goldenen Schnörkeln verzierten Armaturenbrett, das eine Seite des Schreibtischs ausmachte. »Mate, bringen Sie uns Tee«, sagte er in ein Hörrohr, dann schrieb er weiter an der Liste, mit der er beschäftigt war.

Magnus sah sich um. Die geräumige Kabine war mit dunklen, geschnitzten Möbeln eingerichtet, durch das Bullauge konnte er vorbeiziehende Wolken erkennen.

Ein Signal schnitt durch die Luft, der Boden bewegte sich. Eine blechern klingende Stimme drang durch das Hörrohr: »Wir legen ab, Sir.«

Der Captain knurrte eine Bestätigung und ließ sich in seinem Tun nicht unterbrechen.

Die Tür öffnete sich und eine Ordonnanz servierte den bestellten Tee. Der Captain schraubte seinen Füllfederhalter zu und legte ihn beiseite. Er sah Magnus zum ersten Mal an. Seine Augen waren wasserblau und müde, von einem dichten Kranz von Falten umgeben. Keine Modifikation, bemerkte Magnus mit einer gewissen Erleichterung.

»Lord Magnus, willkommen an Bord der ›Honour of the Skies‹«, sagte der Captain und hob seine Tasse zum Salut. »Ich muss mich für die Umstände entschuldigen, unter denen Sie hergebracht wurden …«

»Ich schlage dafür das Wort ›Entführung‹ vor, Sir«, sagte Magnus. »Ehe Sie mir erklären, was das alles zu bedeuten hat, möchte ich darum bitten, dass mein Butler die bestmögliche Versorgung erfährt. Er wurde kürzlich verwundet, als er mein Leben schützte.«

Der Captain nickte schroff. »Der Mann befindet sich bereits bei unserem Arzt. Was die Erklärungen angeht, muss ich Sie noch um ein wenig Geduld bitten. Wir werden in Kürze mit zwei unserer Schwesterschiffe zusammentreffen und unseren Kommandanten an Bord nehmen.«

»Ich bin bekannt dafür, nicht allzu geduldig zu sein«, erwiderte Magnus. »Darf ich von Ihnen also zumindest eine Erklärung erhalten, zu welchem Verband diese Schiffe gehören?«

»Wir sind Teil einer Erkundungseinheit«, wich der Captain aus. »Ich bin nicht befugt, darüber zu sprechen.«

Unterhielt der Geheimdienst eine eigene Flotte? Magnus zog die Brauen zusammen. Zuzutrauen wäre es dem MI durchaus. Aber wieso pfuschte er dann seiner eigenen Abteilung ins Handwerk? Der MI13 hatte Magnus doch schon längst in die Zange genommen.

Der Captain trank seinen Tee und plauderte über Nichtigkeiten, was Magnus zunehmend einsilbiger und gereizter werden ließ. Er sehnte sich nach einem heißen Bad, nach einer Opiumpfeife, nach Schlaf.

Wieder drangen schrille Signalpfiffe an sein Ohr, die Kabine neigte sich, ein Schatten fiel über das Bullauge.

Eine Stimme quäkte unverständliche Worte, auf die der Captain nicht antwortete. Er blickte auf die Uhr an der Wand und sagte: »Die Beauty ist früher als erwartet längsseits gegangen. Sie bekommen also gleich Ihre Antworten, Mylord.«

Wieder Signale, wieder quäkende Durchsagen, dann rumpelte es an der Bordwand, der Schatten hob sich und Sonnenlicht erhellte erneut die Kabine.

Die nächste Durchsage, von der Magnus sogar ein paar Worte verstand. Der Captain bellte eine Bestätigung und sah Magnus mit einem süffisanten Lächeln an. »Ihr … Butler ist versorgt und liegt auf der Krankenstation. Unser Arzt hat die Wunde geöffnet und gesäubert und ist zuversichtlich, dass er die Infektion in den Griff bekommen wird.«

Magnus nickte dankend und suchte seine Taschen ab. »Darf ich mir eine Zigarette anstecken?«

»Ich bitte darum.« Der Captain beugte sich vor und öffnete ein Kästchen, das auf dem Tisch zwischen Papieren und Schreibzeug stand. Er offerierte es Magnus, aber der lehnte dankend ab und entzündete eine seiner Opiumzigaretten. Captain Grenville schnüffelte und zog erneut die Brauen hoch. Es war Magnus gleichgültig, was der Mann von ihm denken mochte, er war müde, gereizt und fühlte sich zerschlagen. Die letzten Stunden waren für seinen Geschmack ein wenig zu aufregend gewesen.

 

Die Ordonnanz klopfte und meldete den Kommandanten. Der Captain erhob sich respektvoll, Magnus blieb sitzen und rauchte. Er hatte nicht vor, sich in irgendeiner Weise beeindrucken zu lassen.

Der gute Vorsatz zerstob aber in dem Moment, als er die Stimme erkannte, die den Captain begrüßte. Er blieb erstarrt sitzen, während der Rauch in seine Augen zog, und dachte fieberhaft nach.

»Stehen Sie bequem, Captain Grenville«, sagte der Kommandant leutselig. »Bericht?«

»Keine besonderen Vorkommnisse, Euer Gnaden«, antwortete der Captain und salutierte. »Ich überlasse Ihnen meine Kabine.«

»Danke Captain.«

Magnus zwang sich zu einer entspannten Attitude und rauchte weiter, bis sich die Tür hinter dem Captain geschlossen und der Kommandant in seinem Sessel Platz genommen hatte. Dann beugte er sich vor, drückte die Zigarette aus und sagte mit sanftem Vorwurf: »Ich hätte mir denken können, dass du dahinter steckst, Linus.«

Linus St. Maur lächelte ihn an. »Du bist wieder auf den Beinen, wie ich gehört habe. Schön, sehr schön. Dann darf ich ab jetzt, so hoffe ich, auf deine Mitwirkung zählen.«

Magnus rieb sich über die Augen. »Der MI13 wird darüber nicht begeistert sein.«

»Wen interessiert der MI?« Linus St. Maur neigte den Kopf und fixierte Magnus. »Also, erzähl es deinem großen Bruder: Wo ist die Maschine?«

 

Magnus Auge Kapitel

 

Epilog

Wohin geht die Reise und was erwartet Magnus Seymour an Bord der ›Honour of the Skies‹?

Welche dunklen Ziele verfolgt Linus St. Maur und welche Rolle spielt seine Gemahlin in diesem Spiel?

Wohin ist Pauline Rosenzweig geflohen und was hat sie mit der Maschine und den Plänen vor?

Ist Queen Victoria eine Transhumane oder sitzt eine Betrügerin an ihrer statt auf dem Thron?

Wird es Magnus gelingen, seinen geliebten Rasul wieder zum Leben zu erwecken und selbst von seiner Vergiftung zu genesen?

Einige dieser Fragen werden in der nächsten Folge von Clockwork Cologne: »Das Chinesische Mysterium« beantwortet.

 

CC by-nc-nd Susanne Gerdom

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Teil zwei aus der Reihe um Magnus: Das Chinesische Mysterium.

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