Strychninmorde

 

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Kommissär Lacroix stand am Fenster seines Büros und starrte auf den Hof hinunter. Es war ein besonders düsterer Tag, man konnte kaum 50 Meter weit sehen. Tiefdruck. Die Dampfmagische Gesellschaft hatte schon die zweite Ausgangssperre in dieser Woche verhängt.

Der Dampf der Kraftwerke hing über der Stadt und machte das Atmen ohne Rußmaske unmöglich. Aber selbst mit Atemschutz würde es eine Qual sein, sich länger als eine halbe Stunde nach draußen zu begeben. Die Filter würden sich zusetzen.

Er schlug mit der flachen Hand auf die Fensterbank. „Verdammt!“ Er wandte sich seinem Assistenten zu. „Dieser Fall treibt mich noch in den Wahnsinn und das Wetter tut das Übrige dazu.“

Fuchs nickte resigniert. „Meine Informanten können uns nicht helfen. Der Täter scheint in den Kreisen ein unbeschriebenes Blatt zu sein.“

Guy Lacroix schüttelte den Kopf. „Verbrecher tauchen normalerweise nicht aus dem Nichts auf, sie blicken meist auf eine lange Karriere zurück. Arbeiten sich über kleine Taschendiebstähle hoch zu Gewaltverbrechen, lernen dazu, werden gieriger, und dehnen ihre Arbeitsbereiche langsam aus.“ Er blätterte zum wiederholten Mal die Akten auf seinem Schreibtisch durch und schüttelte den Kopf. „Er scheint sich seine Opfer wahllos herauszugreifen. Aber mein Gefühl sagt mir, dass wir irgendetwas übersehen haben. Da muss doch ein Muster zu erkennen sein.“ Er begann seine Pfeife zu stopfen, paffte einige Kringel in die Luft und seufzte. „Nun denn. Wir fangen noch einmal von vorne an. Was wissen wir über das erste Opfer?“

Fuchs setzte sich auf einen der Besucherstühle und suchte sich die entsprechende Akte heraus. „Friedhelm Hofberger, Vizedirektor der Cölner Capitalbank. Ermordet in seinem Arbeitszimmer. In seinem Cognac fand man Spuren von Strychnin, die Todesursache war aber ein Kopfschuss.“

Guy trommelte mit den Fingern auf den Schreibtisch. „Das Strychnin hat ihn bewegungsunfähig gemacht, so konnte der Täter die Kombination des Safes aus ihm herauspressen, bevor er ihn erschossen hat. Das zweite Opfer?“

Fuchs blätterte in der Akte. „Noyan Erdem, osmanischer Seidenhändler, der den Hauptsitz seiner Firma erst vor etwa einem Jahr nach Cöln verlegt hat. Strychnin im Tee, Kopfschuss. Der Safe in seinem Büro stand offen.“

„Als nächstes Johan Veenstra“, fuhr Guy fort. „Dieser aufgeblasene Automobilteile-Hersteller. Er hat ein Vermögen gemacht mit diesen stinkenden Karossen. Und der vorerst letzte: Heinrich Hintz.“

„Richtig. Hintz war der Inhaber zweier gutbesuchter Hurenhäuser und hat sein schmutziges Geld durch Immobiliengeschäfte reingewaschen.“ Fuchs schlug die Akte zu und kaute auf seinem Bleistift. „Die Opfer kannten sich offenbar nicht. Sie frequentierten nicht die selben Clubs, sie aßen nicht in den selben Restaurants, sie ließen ihre Anzüge nicht beim selben Schneider anfertigen. Sie hatten überhaupt keine Gemeinsamkeiten, verflixt!“

Guy legte seine Pfeife in den Aschenbecher. „Bis auf eine“, sagte er. „Sie hatten alle Geld in der CCB deponiert.“

„Nun ja, Herr Kommissär, die Cölner Capitalbank ist das einzige seriöse Geldinstitut der Stadt. Ich glaube nicht, dass uns das weiterhilft.“

Guy brachte seinen Assistenten mit einer Geste zum Schweigen und drehte die Pfeife gedankenverloren in der Hand. „Es ist aber der einzige Schnittpunkt. Wo könnte man leichter an die Namen gutbetuchter Bürger gelangen als in den Unterlagen der Bank? Und das erste Opfer hatte Zugang zu diesen Unterlagen … Wer erbt Hofbergers Vermögen?“

„Sein Sohn, nehme ich an.“ Fuchs blätterte. „Ja, Ernst Hofberger. Und zwar das gesamte Vermögen. Die Tochter … Moment. Ah, Emmi Hofberger … Das ist ungewöhnlich. Sie bekommt nicht einmal eine Apanage. Sie geht vollkommen leer aus. Das sind die Informationen des Familienanwalts, die Tochter wurde nicht befragt.“

„Emmi“, sagte Guy. „Sie hat doch die Leiche gefunden, wenn ich mich recht erinnere. Warum wurde sie nicht verhört?“

„Sie leidet unter Schwermut und befindet sich deswegen in Behandlung, nach dem Fund der Leiche erlitt sie einen Nervenzusammenbruch und war nicht vernehmungsfähig. Ihr Arzt … Dr. Glaser hat sie in die Klinik überstellen lassen und jeglichen Kontakt untersagt.“

„Fuchs, wir sind Idioten.“ Guy schlug mit der Faust auf den Tisch. „Wir wurden vorgeführt wie blutige Anfänger. Kommen Sie, wir müssen einen Fall abschließen.“

„Der Arzt. Natürlich!“ Fuchs schlug sich an die Stirn.

Guy hatte schon seinen Mantel übergeworfen und die Schutzbrille angelegt. „Bis zur Klinik sind es nur 20 Minuten mit dem Wagen, das sollte zu schaffen sein.“ Er überprüfte die Atemmasken, warf eine davon seinem Assistenten zu und setzte seinen Hut auf. „Gehen wir.“

 

Die städtische Nervenklinik lag auf einem Hügel, rußgeschwängerter Nebel hüllte das obere Stockwerk vollkommen ein. Fuchs hustete, als sie aus dem Wagen stiegen. Höchste Zeit! Die Filter hatten sich bereits zugesetzt, und sie würden keine fünf Minuten mehr atmen können.

Die beiden Polizisten betraten die Klinik, rissen die Masken herunter, sobald sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, und atmeten tief durch. „Sehen Sie, Fuchs, kein Problem“, keuchte Guy. Er klopfte seinem Assistenten auf den Rücken, der sich vorbeugte und auf die Knie stützte und immer noch hustete.

Guy sah sich um. Der Empfangsbereich war mit Teppichboden ausgelegt, kleine Sitzgruppen standen zwischen hohen Topfpflanzen, aber natürlich waren keine Besucher anwesend. Wer die Ausgangssperren missachtete, musste mit empfindlichen Strafen rechnen. Die Aufnahme war nicht besetzt.

Guy betätigte die Klingel, die auf dem Tresen stand, und wartete, bis eine korpulente Schwester aus dem Hinterzimmer trat. Sie steckte sich die weiße Haube mit Haarnadeln fest und strich sich über die Schwesterntracht. Erst, als sie mit dem Ergebnis zufrieden zu sein schien, lächelte sie die Beamten an. „Entschuldigen Sie, meine Herren, ich habe nicht mit Besuchern gerechnet. Die Ausgangssperre, Sie verstehen. Was kann ich für Sie tun?“

Guy zog seine Dienstmarke hervor und stellte sich vor. „Ich hätte ein paar Fragen an einen Ihrer Ärzte. Dr. Glaser. Würden Sie ihn bitte rufen?“

Die Schwester zog die Augenbrauen nach oben, nahm aber wortlos die Hörmuschel des Telefonapparates ab, der an der Wand hinter ihr hing. Sie drehte die Kurbel, wartete einen Moment und sagte: „Dr. Glaser? Schwester Erika. Hier sind zwei Beamte des KKA, die gerne mit Ihnen reden würden … Gut, danke sehr.“ Sie hängte ein und wandte sich wieder Guy zu. „Bitte folgen Sie mir.“

Sie schloss eine Tür auf und führte die Beamten durch einen schmucklosen, weißen Gang. Der Fußboden glänzte und es roch schwach nach Karbol.

„Sie haben Glück, Herr Kommissär“, sagte die Schwester. „Herr Dr. Glaser ist nur noch anwesend, weil die Ausgangssperre begann, als er gerade eine Elektroschocktherapie durchführte.“ Ihre Augen glänzten, als sie von dem Arzt sprach. Du würdest dich wundern, dachte Guy, nickte aber nur.

Sie blieben vor einer Tür stehen und die Schwester klopfte an. Noch einmal lauter, als keine Reaktion von innen zu vernehmen war. Dann öffnete sie die Tür und lugte hinein. „Herr Doktor? Die beiden Beamten …“

Etwas schepperte im Inneren und Guy stieß die Frau zur Seite. Der Fensterflügel schlug gegen die Wand und Ruß drang ins Zimmer ein. „Tür zu!“, schrie er und setzte die Atemmaske auf. Dann sprang er aus dem Fenster.

Eine Gestalt stolperte über den Rasen, war im Begriff, im schwarzen Nebel zu verschwinden. Guy nahm die Verfolgung auf. Das Atmen war eine Qual, seine Brust schmerzte. Er presste die Hand auf die schmerzende Stelle und zog im Laufen die Pistole. Schoss. Einmal, zweimal. Die Gestalt stürzte, kroch weiter.

Der Schmerz in Guys Brust wurde unerträglich. Seine Lungen verlangten nach Sauerstoff, aber er zwang sich weiter, die Pistole auf den Kriechenden gerichtet. Dann stürzte er ebenfalls zu Boden. Sein Herz schlug unregelmäßig und schnell. Er riss sich die Maske vom Gesicht, pumpte verzweifelt die verpestete Luft in die Lungen. Dann wurde es schwarz um ihn herum.

 

Als er die Augen öffnete, sah er in Fuchs‘ besorgtes Gesicht. „Haben wir ihn?“, fragte er und der Assistent nickte. Guy hob den Daumen. „Gut gemacht! Dann wäre der Fall also klar.“

Fuchs wiegte den Kopf hin und her. „Das ist er wohl, allerdings nicht ganz so, wie wir gedacht hatten.“ Er deutete hinter sich.

Dort war eine junge Frau mit Handschellen an einen Stuhl gefesselt. Ihre Augen blitzten die Polizisten angriffslustig an. Sie trug Männerkleidung, das linke Bein war verbunden.

Guy rappelte sich auf und schnalzte mit der Zunge. „Emmi Hofberger, nehme ich an?“

Fuchs nickte. „Dr. Glaser ist tot“, sagte er. „Er liegt in seinem Büro. Kopfschuss.“

Schwester Erika schluchzte auf, und Fuchs reichte ihr ein Taschentuch. Sie schnäuzte sich hinein. Ihre Schultern zuckten und sie gab unkontrollierte Kiekser von sich.

Guy strich seine Weste glatt und faltete die Hände auf dem Rücken. „Da ist wohl etwas aus dem Ruder gelaufen. Nicht wahr, Fräulein Hofberger? Was ist passiert? Wollte Dr. Glaser aussteigen? Sie verraten?“

Sie lachte auf und zerrte an ihren Fesseln. Der Stuhl kippelte und Fuchs drückte sie herunter. Er ließ die Hände auf ihren Schultern liegen. „Beruhigen Sie sich und antworten Sie dem Herrn Kommissär“, sagte er.

„Dieser Mistkerl“, sagte sie, und jetzt glänzten Tränen in ihren Augen. „Er wollte mich hier drin verrotten lassen und allein mit dem Geld flüchten.“ Sie lachte wieder auf und das Lachen klang wirklich verrückt.

„Nun ja“, sagte Guy. „Ich denke, Sie sind dort, wo Sie hingehören. Und seien Sie froh darüber, das Gefängnis ist ein weitaus schlimmerer Ort.“ Er hustete sich den Ruß aus den Lungen und zündete seine Pfeife an. „Ihren eigenen Vater“, sagte er dann. „Wie konnten Sie so etwas nur tun?“

„Er wollte unsere Heirat verhindern. Er hat mich sogar enterbt! Karl war nicht standesgemäß, als einfacher Arzt – nicht reich genug.“ Wieder lachte sie das irre Lachen. „Aber das haben wir geändert.“

Guy schüttelte den Kopf. „Schwester?“, sagte er. „Schwester Erika? Wir sollten Fräulein Hofberger auf Ihr Zimmer bringen. Die Räume können verriegelt werden, nehme ich an?“

Die Schwester nickte und unterdrückte weitere Schluchzer. „Selbstverständlich“, antwortete sie. „Und die Fenster sind vergittert.“

„Gut. Dann lassen Sie uns das zu Ende bringen, Fuchs. Bestellen Sie den Arzt, er soll sich Dr. Glasers Leichnam ansehen. Und dann können wir den vermaledeiten Fall endlich abschließen. Sie haben mich hereingebracht, nehme ich an?“

„Mit Hilfe eines Pflegers, Herr Kommissär. Anschließend habe ich die Leiche des Arztes entdeckt.“

Guy schüttelte die Hand des Assistenten. „Gute Arbeit, Fuchs. Sehr gute Arbeit.“ Er zog seine Taschenuhr aus der Weste, klappte sie auf und lächelte. „Wir sehen uns morgen auf dem Revier. Meine Frau wird sich freuen, mich wieder einmal zu Gesicht zu bekommen.“

 

CC by-nc-nd Simone Keil

 

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